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Alles über Nähgarne, Teil 3

Mit Wissen nähst du besser.

Teil 3 des ultimativen Nähgarn – Guide

7. Kleine Geschichte zur Textilindustrie

Hast du gewusst, dass die deutsche Textilindustrie einst (um 1900) die größte auf dem Kontinent war, sogar die drittgrößte weltweit? Ende des 19. Jahrhundert haben die Textilunternehmer 45 % mehr Warenwerte exportiert als die von Männern dominierenden Eisen- und Stahlindustrie, 36 % mehr als die Kohleindustrie und waren somit die wichtigsten deutschen Exporteure. Und dies trotz des Nachteils, dass die Rohstoffe (Baumwolle und Seide) nicht in Europa vorhanden waren. Und trotzdem war all dies nur durch die Baumwolle möglich.

7.1 Vasco da Gama

Das Herz der Baumwolle schlägt schon mehrere tausend Jahre fast gleichzeitig in Asien, Afrika und Lateinamerika in einem Band zwischen den Breitengraden 35. Süd und 37. Nord. In Indien erreichte die Nutzung und Verarbeitung der Baumwollfaser schon früh höchste Qualität und enormes Ansehen. Dieses Wissen und die edlen Garne und Webwaren brachten Händler in den Mittelmeerraum und ebenfalls nach China. In Europa entstanden erste kleinere Zentren in Italien und Südspanien, ohne nennenswerten Einfluss auf weitere Ereignisse. Der Startschuss fiel mit den Entdeckungen der Seewege von Christoph Kolumbus (1492 nach Amerika) und Vasco da Gama (1497 nach Indien) und somit der Beginn der Neuzeit. Für die Europäer war der direkte Zugang zu den exotischen Gewürzen, aber auch zu Webwaren aus Baumwolle und Seide offen. Erste Handelsabkommen wurden unterzeichnet. Der Direktimport war weitaus lukrativer als die auf dem Landweg durch viele Zwischenhändler verteuerten Waren. Die drei großen Seemächte Portugal, die Niederlande und England lieferten sich immer wieder Kriege um die Monopolstellung im Asiengeschäft. England wurde in Europa die dominierende Macht in Indien, durch die neu geschaffene Britsh East India Company ende 1600 (Handel, Kapital) und des imperialen Herrschaftsanspruches (Krieg, Territorialerweiterung) an Land und Leuten.

East India Companie

7.2 Erste industrielle Revolution

Ab ca 1770 diktierte die Company den Anbau der Baumwolle, die Textilproduktion und deren Handel in einem bis dahin nie dagewesenen Ausmaß. Logischerweise lag das Schwergewicht auf dem Export nach Europa. Beliebt und begehrt waren diese indischen Baumwollstoffe. Es entstanden neue Märkte und neue Moden. Die hübsch bedruckten Chintze aus Indien, die Indienne, wurden zum Statussymbol für die reiche Oberschicht. Der Anreiz für die Europäer, die Baumwolle selber verarbeiten zu können, wuchs von Jahr zu Jahr. Entsprechend groß war die Nachfrage und die Gier nach dem fulminanten Gewinn. Mit der ersten industriellen Revolution begann zuerst in England eine neue Zeitrechnung. Es entstanden die ersten mit Dampf und Wasserkraft betriebenen Web- und Spinnmaschinen. In dieser bewegenden Zeit wurde 1802 die Firma Coats gegründet. In der Schweiz wurde 1801 die erste mechanische Spinnerei von der Aktiengesellschaft Hard bei Wülflingen gegründet. In den nächsten 30 Jahren erfolgte ein immenser Gründerboom. Von den 249 meist kleinere Spinnereien überlebten nur knapp 13% die nächsten 20 Jahre. Eine davon ist die noch heute weltweit agierende Firma Rieter aus Winterthur, Spezialist für Kurz-Stapelfaserspinnsystemen. Begünstigt wurde dieser Boom vor allem durch die Kontinentalsperre von Napoleon gegen England zwischen 1801 – 1807.

Baumwoll-Spinnerei Rieter; Foto: Winterthurer Bibliotheken,

Baumwoll-Spinnerei Rieter; Foto: Winterthurer Bibliotheken

7.3 Atlantischer Dreieckshandel

Der Bedarf an Rohbaumwolle wuchs von Jahr zu Jahr. Neue Baumwoll-Plantagen in Amerika wurden angelegt, die enorme Arbeitskräfte benötigte. Das war der Beginn des Sklavenhandels. Die Europäer tauschten in Afrika billige Handelswaren gegen Sklaven. Diese wurden in die Karibik und in die Südstaaten Amerikas weiter verkauft. Im Gegenzug erhielt der Kontinent die Rohstoffe wie Baumwolle, Zucker, Rum zur Weiterverarbeitung. Diese Handelsbeziehungen wurden gehegt und gepflegt, während fast drei Jahrhunderten. Bekannt auch unter dem Namen atlantischer Dreieckshandel. In die Karibik und in die Südstaaten wurden Millionen von Sklaven aus Afrika zur Ernte von Baumwolle und Zuckerrohr verschleppt. Die Nachfrage nach den feinen Geweben und das Bevölkerungswachstum war so stark, dass die Handweber ihre Aufträge nicht mehr vollständig ausführen konnten. Neue Erfindungen brachten mit den mechanischen Webstühlen, mechanische Spinn- und Haspelmaschinen, mit Menschen- und Ochsenkraft angetrieben die nötigen Erleichterungen. Dies ist der Beginn der industriellen Revolution. Die Maschinen wurden immer leistungsfähiger, die Antriebe erfolgten später mit Dampf und mit Wasserkraft. Neue und größere Fabriken wurden gebaut, oft an Flussläufen, um die Wasserkraft nutzen zu können.

atlantischer Dreieckshandel

Bild: www.diercke.westermann.de

Websaal

Wikimedia Commons, Websaal der Baumwollspinnerei Kuchen 1862.  Koloriertes Foto nach einem verschollenen Aquarell von Caspar Obach. Der Websaal wurde „Europasaal“ genannt, da er mit 443 mechanischen Webstühlen der größte Websaal in Europa war.

7.4 Kinderarbeit

In Europa wie in Amerika auch, florierte die Kinderarbeit an den Web- und Spinnmaschinen. Zahlen zeigen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts fast 40 % der Arbeiter Kinder zwischen 8 und 14 Jahren waren. Sie mussten für das Familieneinkommen mitarbeiten, da der Lohn der Eltern in den Fabriken zum Lebensunterhalt nicht ausreichte. Die englischen Unternehmer und der Staat schützten diese neuen Errungenschaften und Innovationen, indem hohe Einfuhrzölle auf Importware erhoben wurde und ein Exportverbot für Web- und Spinnmaschinen durchgesetzt wurde. In den eigenen Kolonien bestand ein Handelsverbot mit den übrigen europäischen Ländern.

 

Mädchen an Spinnmaschinen; Foto: Lewis Hine via Europeana

Hier eine kurze Einfügung. Genau diese Verbote führten in der Neuen Welt zu einem großen Mangel an bezahlbaren Textilien. Jedes Stück Stoff wurde sorgsam gehütet und mehrmals wiederverwendet. So erinnerten sich die damaligen Siedlerfrauen an Patchworkdecken aus ihrer alten Heimat. Was damals eine Notwendigkeit war, ist heute zu einem erfüllenden Hobby und sogar zur Kunst (Quilt Art) geworden.

Ab ca 1830 setzte im deutschsprachigen Raum die zweite industrielle Revolution ein. Es wurden Eisenbahnen gebaut, welche die Transporte der Arbeiter zu den Fabrikstandorten erleichterte. Große Innovationen erlebten auch die Web- und Spinnmaschinen. Der Bedarf an Tuchen und Textilien wuchs mit dem Bevölkerungswachstum kontinuierlich. Die Gesellschaft veränderte sich von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Die Firma Zwicky & Co wurde bereits 1840 in Wallisellen (Schweiz) als Seidenzwirnerei Neugut gegründet. Sie blieb bis 2001 zur Übernahme des operativen Geschäftes durch Gütermann in Familienbesitz.

7.5 Bekannte Nähgarnhersteller

1854 wurde die Firma Amann & Böhringer (Amann Group) als Seidenzwirnerei und Seidenfärberei gegründet. 3 Jahre später arbeiteten bereits über 100 Menschen für die Zwirn- und Färberei. Durch Annexion der Konkurrenz wuchs das Unternehmen schnell und hatte als Seidenspinnerei einen guten Ruf.

In Augsburg-Göggingen wurde 1863 die Zwirnerei und Nähfadenfabrik Göggingen firmiert und angesiedelt. Erste Betriebsaufnahme war 1855 im Lechviertel. Von Anbeginn wurde Rohbaumwolle verarbeitet.

Die Firma Gütermann, Gründungsjahr 1864 hat ebenso wie die Firma Amann, zuerst auf Seide gesetzt und bis 1945 daran festgehalten. Ab da hielten die neuen Polyesterfasern Einzug und lösten die Seidengarne ab.

1868 war das Gründungsjahr der Zwirnerei Ackermann. Sie wuchs, trotz anfänglicher finanzieller Schwierigkeiten, zu einem bedeutenden Textilunternehmen in Deutschland. 1957 fand die Fusion mit der Nähfadenfabrik Göggingen statt. Die neu gegründete Ackermann-Göggingen AG wurde somit der größte Nähmittelhersteller in Deutschland.

Baumwollgarn

7.6 Die Nähmaschinen kommen

In diese Zeit der Erfindungen und des Wandels passt auch die erste Markteinführung einer praxistauglichen Nähmaschine durch Isaac Merritt Singer in den Jahren 1850/51. In der USA. Bereits 1854 warb ein deutscher Konfektionsbetrieb mit dem Hinweis, die Kleider würden mit amerikanischen Nähmaschinen gefertigt. 1862 wurde die erste Generalvertretung für Singer Nähmaschinen in Deutschland eröffnet. Die deutschen Konstrukteure sahen in diesen Maschinen ein grosses Potential, versuchten die Singer nachzubauen. Viele Prototypen entstanden, welche nie zur Marktreife gelangten. Erste noch heute bekannte Namen wie Pfaff, Dürrkopf und Gritzner tauchten auf. Die Singer Company baute von Anfang an ein Distributionsnetzwerk für den Vertrieb auf. Dieses System wurde später auch von Pfaff übernommen und eingesetzt. Abnehmer waren anfänglich die Bekleidungsindustrie. Für einfache Näherinnen und Hausfrauen waren diese neuartigen Geräte unerschwinglich. Erst mit der Einführung von Ratenzahlungen ab ca 1890 durfte die Nähmaschine in viele deutsche Haushalte einziehen.

7.7 … und die Schnittmuster

Nicht zu vergessen, die Schnittmuster. Die ersten Schnittmuster in Originalgröße kamen ca 1840 in Amerika von Butterrick auf den Markt. Vorher gab es nur kleine Schnittzeichnungen mit Maßangaben für die Konstruktion. Modemagazine Mitte des 19. Jahrhunderts, wie das „Pariser Damenkleider-Magazin“, legten zu den vorgestellten Modellen separate Musterbögen bei. Die ersten doppelseitig bedruckten Schnittbögen mit mehreren Schnittmustern wurden erst ab ca 1900 in Deutschland gedruckt und verkauft. Das Interesse war anfänglich noch zögerlich, erst als in den 1920er Jahren das Faible für Mode langsam aufblühte, wuchs die Nachfrage. Mit Aenne Burda und den Mehrgrößen-Schnitten wurde ab 1952 auch endlich die geschickte Hausfrau zum Nähen animiert.

Bild: hhu, Digitale Sammlung, Illustrierte Frauenzeitschrift 1897

Illustrierte Frauenzeitschrift 1897

7.9 Sorgen um den Baumwoll-Nachschub

urück zu den Rohstoffen. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-65) brachte ein großer Rohstoffmangel nach Europa. Viele Spinn- und Webereien mussten schließen. Weltweite Panik brach aus. Die Baumwollhändler, Makler und Spekulanten profitierten im Übermaß von steigenden Preisen. Alternative Anbaugebiete wurden gesucht und aufgebaut. Die Bauern bauten anstatt Lebensmittel nun Baumwolle für die gierigen Europäer an. Mit der ersten Weltwirtschaftskrise 1873 änderte sich auch für die einfachen Baumwollbauern vieles. Es entstanden vermehrt Großgrundbesitzer, das Eigentum der kleinen Bauern wurde annektiert. Das Baumwollimperium expandierte in den Anbaugebieten USA, Indien, Brasilien und Ägypten in dem man die Erzeuger zu Rohstoffproduzenten machte. Die Bedürfnisse der Industrie wurde von den Regierungen mehrheitlich unterstützt. Denn Profiteure waren sie alle, bis auf die Lohnarbeiter beim Anbau und in der Produktion. In Europa wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhundert eine immense Masse an Textilien produziert, dass die halbe Welt damit eingedeckt werden konnte. Die Rohstoffländer haben enorm viel importiert, da die Gewebe aus England billiger waren als die Webwaren aus dem eigenen Land. Dies hatte zur Folge, dass vor allem in Indien einer ganzen Branche die Existenz genommen wurde.

7.10 Deutsche Kolonien in Afrika

Der Bürgerkrieg in Amerika mit der damit verbundenen Knappheit der Rohbaumwolle zeigte der deutschen Textilindustrie und den Politikern die große Abhängigkeit. Verständlicherweise entstand da der Wunsch nach regelmäßigen und günstigen Lieferungen. Mit anderen Rohstoffen wollte das imperiale Reich nicht mehr abhängig sein von anderen Großmächten wie England, Frankreich, die Niederlanden. Die Idee für eigene Kolonien, wurde von wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmern zusammen mit einflussreichen Politkern aufgegriffen und nun endlich auch gefördert. Es entstanden Kolonien in Togo, Deutsch-Westafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda). Der Traum von deutscher Baumwolle, von deutschen Herstellern beflügelte viele Investoren, endlich das Baumwollmonopol der USA durchbrechen zu können und gegen russische Konkurrenz erfolgreich zu sein. Die Erträge im Baumwollanbau war nur für kurze Zeit bedeutend. Es kam der 1. Weltkrieg und 1920 mit dem Versailler Vertrag verlor Deutschland sämtliche Kolonien in Afrika mit der Begründung, sie hätten vor allem nur Krieg und Zwangsarbeit gebracht, anstatt den Fortschritt.

 

Deutsche Ost-Afrikalinie Hamburg

7.11 Die Kunststoffe kommen – Viscose

Mit der Erfindung der Viscose und der Patentierung der Herstellung um 1900 kam ein neuer Rohstoff auf dem Markt. Das neue Material war viel günstiger als Seide und Baumwolle. So wurde die Viskose schon recht früh als Kunstseide vermarktet. Vor allem in der Maschinenstickerei war das neue Garn sehr beliebt. Es war robust wie Baumwolle, hatte jedoch zusätzlich einen unwiderstehlichen Glanz. Neue Produzenten entstanden wie zum Beispiel in der Schweiz die Viscosuisse. Einige Unternehmer versuchten sich mit eigenen Lösungen, gaben auf und kauften das Patent zur Herstellung. Die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG in Wuppertal wurde gegründet. Die Anfänge der Firma Lenzing in Österreich, heute einer der größten Viscosehersteller weltweit, findet man auch in diesen Gründerjahren.

In Indien wurde durch reichlich vorhandenes Investitionskapital neue Spinn- und Webmaschinen geordert. Das Knowhow zur Verarbeitung der Baumwolle war von alters her da. Heute sind die asiatischen Länder die größten Textilproduzenten weltweit. Nicht nur für die Textilprodukte aus Baumwolle, sondern auch aus Viscose und Kunstfasern. Die Umweltgesetze sind lasch oder kaum vorhanden, Kinderarbeit ist nach wie vor kein Tabu. Die Produktion der textilen Erzeugnisse ist so günstig, dass Maßen davon auf dem Weltmarkt angeboten werden. Und keiner fragt nach, ob wir das alles überhaupt brauchen. Auch heute gilt: Profitabel muss das Geschäft sein.

Spinnerei

Bild: Shutterstock

Quellenangaben zu “Alles über Nähgarne Teile 1 – 3”:

Fotos:
– Induux
– Von Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75761185
– Lotti Pfyl
– Shutterstock
– Digitale Sammlung Hinrich Heine Universität Düsseldorf

Text:
– Wikipedia
– Sajou
– Gütermann
– Fachwissen Bekleidung, Europa Lehrmittel, ISBN 978-3-8085-6210-9
– Studio Auriga.it
– Amann Group
– Coats Group
– eur-lex.europa.eu
– aureliusinvest.com
– buergerleben.com
– Manager Magazin
– Madeira.com
– Badische Zeitung
– Textilwirtschaft.de
– deutsches Patent- und Markenamt
– Shutterstock
– zefix.ch
– „King Cotton“ 2. Aufl. Sven Beckert, ISBN 978-3-406-65921-8
– Bonjour Geschichte
– Stitch&Print international
– Soie Pirate, Geschichte der Firma Abraham, Band 1, schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85881-310-7
– Indiennes, Stoff für tausend Geschichten; schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85616-892-6
– Silk, Mary Schoeser: ISBN 978-0-300-11741-7
– Neue Zürcher Zeitung
– Intelligente Verbindungen, Band 1; Netzwerk Mode Textil eV

Alles über Nähgarne, Teil 2

Mit Wissen nähst du besser.

Teil 2 des ultimativen Nähgarn-Guide

4. Nummerierung / Bezeichnungen

Ich versuche hier etwas Licht, in den Dschungel der Garnnummerierung zu bringen.
Denier, den, Titer, Tex, dtex, Nm, NeB, No sind alles Bezeichnungen für die Feinheiten der Garne. Alle Bemühungen und Empfehlungen einen einheitlichen Standard anzuwenden, sind weitestgehend im Sande verlaufen. Zuerst erzähle ich dir kurz, warum dieses vermeintliche Wirrwarr überhaupt entstanden ist. Die Nummerierung hat ganz viel mit Historie und Tradition zu tun. Mit Beginn der Textilindustrie verwendete jede Spinn- und Zwirnerei, unabhängig ob Baumwolle, Seide oder Leinen versponnen wurde, ihr eigenes Messsystem. Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden in Deutschland 17 verschiedene Längennummerierungssysteme aufgezeichnet.

Mit der zunehmenden Industrialisierung, Marktöffnungen und weltweiten Handel, bemühte man sich, einen einheitlichen Standard einzuführen. Die Nähgarne und deren Preise sollten untereinander vergleichbar werden. Übrig geblieben sind heute in Europa zwei Nummerierungssysteme: die Längennummerierung mit konstanter Masse für Baumwollgarne, Seide, Viscose und Rayon (NeB, Nm), und die Massennummerierung mit konstanter Länge für Kunstfaser wie Polyester (Titer Denier, Tex).

Standards, die in Europa mit dem mehrheitlich metrischen System definiert sind, und für uns Verbraucher mit einem Ticket- oder Etikettiersystem ausgestattet sind, gelten nicht für die ganze Welt. Nähgarne aus Übersee werden oft in Gewichts-Prozente „wt“ ausgezeichnet. Die Umrechnung der Bezeichnungen auf unser Ticketsystem ist oft schwierig, da wesentliche Faktoren von den Garnhersteller nicht erhältlich sind. Aber auf Grund der Empfehlungen bezüglich Nähmaschinennadeln und Nähgut kann man sich das Richtige raussuchen. In Kanada und USA wird oft empfohlen, man soll bei einem Produzenten bleiben, da seien die Angaben zur Stärke immer gleich. Da haben wir es doch etwas leichter, was meinst du?

4.1 Längennummerierung

Durchgesetzt hat sich die Längennummerierung aus der Baumwollindustrie in Indien, damals eine britische Kolonie. Die gebräuchlichsten Maße waren Yards für die Länge und das Pfund für das Gewicht. Damit ein Vergleich möglich war, wurde die Länge (Anzahl Garnstränge zu je 840 Yards) gemessen (Dividend). Teilte man die Anzahl der Stränge durch das definierten Gewicht von 1 Pfund (Divisor) bekam man rechnerisch den Stärkewert des Baumwollgarnes (Quotient). Dies ist die noch heute übliche Längennummerierung der Baumwollgarne mit der Bezeichnung NeB.

Im metrischen System wird die Länge in Meter auf 1g Masse bezogen: Nm. Die Bezeichnung Nm 20 bedeutet 20m Garn mit einem Gewicht von 1g. Das heißt, je höher die Zahl umso feiner das Garn.

Die Bezeichnung sagt nichts über die Fachung (lies im Text beim Material Baumwolle) aus. Früher war diese Angabe wichtig, sagte sie doch aus, ob der Nähfaden was taugte oder nicht. Ergo war ein Zweifachzwirn (Fachungszahl 2) weniger robust als ein Vierfachzwirn (Fachungszahl 4). Mit den modernen Spinnverfahren werden heute Baumwollgarne mit 2 bis 3 Fachungen verzwirnt. Diese Angaben sind mittlerweile in den Hintergrund geraten.

Ende des 19. Jh. wurde die Viscose entwickelt. Diese Garne, Kunstseiden waren ein exzellenter Ersatz für die Baumwollstickgarne. Mangels Alternativen hat man die Längennummerierung der Baumwolle auch für die Viscosegarne übernommen. Dies ist bis heute so geblieben. Die angebotenen Maschinenstickgarne und zum Teil die passenden Unterfaden werden, unabhängig vom Material nach der alten Längennummerierung etikettiert.

Für eine metrische Umrechnung benötigt man den Faktor 1.7 (gerundet). Mit dieser Umrechnung sind die Baumwollgarne mit den Polyesternähgarnen vergleichbar.

Die Baumwolle-Nähgarne werden zeitgemäß mit einer Etiketten-Nummerierung (Ticket) versehen: No.

4.2 Gewichtsnummerierung

Mit der Ära der Synthetikfasern (Mitte 20. Jh.) wurde die Gewichtsnummerierung eingeführt. Das heißt, das bestimmte Gewicht des Garnes (Dividend) wird zu einer konstanten Länge (Divisor) ins Verhältnis gesetzt. Das SI-Einheitssystem hat die Maßeinheit Tex eingeführt. 20 Tex heißt, dass ein einfacher Faden von 1’000m Länge ein Gewicht von 20 g hat. Bei dieser Angabe fehlt weiterhin die Anzahl der Fachungen. Diese mit einem Schrägstrich oder einem Multiplikationszeichen ergänzt. Du siehst nun, dass Nm 20 nicht gleich 20 Tex sind. Ist auch logisch, da die Nummerierungssysteme jeweils eine andere Basis haben. Aber zum Glück lassen uns die Garnhersteller nicht hängen. Wie bei den Baumwollnähgarnen wird auch bei den Polyesternähgarnen eine Etikettennummerierung (Ticket) von den Herstellern bevorzugt. Diese Nummerierung No. erleichtert uns das Nähleben. Wir haben die Möglichkeit, bei verschiedenen Garnherstellern vergleichbare Produkte auszuwählen. Eine Ausnahme bei der Nummerierung von Polyestergarnen sind die Maschinenstickgarne und zum Teil auch die passenden Unterfadengarne (Bobbins). Wie bereits erwähnt, werden diese Fasern nach der traditionellen Längennummerierung etikettiert.

Die Polyester-Nähgarne werden zeitgemäß mit einer Etiketten-Nummerierung (Ticket) versehen: No.

Ich habe für dich zwei Tabellen erstellt, mit den gängigsten Garnhersteller, von denen ich entsprechende Informationen erhalten habe.

Tabelle Polyester-Nähgarne als PDF hier zum Downloaden:

Tabelle Baumwoll-Nähgarne als PDF hier zum Downloaden:

Tab-Polyestergarne

5. Anwendung der Nähgarne – welches ist das richtige?

Viele Fragen drehen sich um das optimale Nähgarn für meine Nähmaschine. Einige Maschinen reagieren zickig auf Noname-Garne vom Discounter, andere nähen einwandfrei mit allem, was durch die Fadenspannung passt. Es gibt kein richtig oder falsch. Entscheidend ist, was will deine Nähmaschine, welche Qualität willst du? Bist du zufrieden mit den günstigen Fasergarnen oder setzt du auf Langlebigkeit und gute Qualität mit den Corespun-Garnen?

Fragen kommen immer wieder wie: Kann ich das Overlockgarn ebenfalls für die Nähmaschine verwenden? Die Unterschiede zum normalen Nähgarn ist die Stärke No. und die Qualität. In meiner Tabelle findest du Fasergarn und Corespun-Garn für die Overlockmaschinen. Du weißt jetzt, dass das Corespun-Garn von besserer Qualität ist und reißfester als das günstigere Fasergarn. Unter diesem Aspekt würde ich sagen ja, du kannst das Corespun Overlockgarn Stärke No. 120 mit der normalen Nähmaschine vernähen. Bei Fasergarnen kommt bei mir eindeutig ein nein. Denn bei der Overlock nähst du mit mindestens drei Fäden eine Naht, mit der Nähmaschine hast du nur Ober- und Unterfaden.
Diese Frage sehe ich oft: Kann ich die Stickgarne auch zum normalen Nähen verwenden? Hier kommt von mir ein ganz klares nein! Stickgarne haben andere Qualitätsanforderungen, sie müssen schön sein, sie müssen glänzen, sie müssen hohe Stickgeschwindigkeiten aushalten. Der passende Unterfaden zum Stickgarn hat eine Stärke von No. 150. Stickgarne sind Multifilamente, die von der Struktur her für eine haltbare Naht weniger geeignet sind. Das Nahtbild überzeugt nicht.
Bei der Verwendung von günstigen Overlock Garnen und von Maschinenstickgarnen reißt eine stark beanspruchten Naht, innerhalb kürzester Zeit. Und eine gerissene Naht nachnähen, ist nie eine schöne Arbeit. Für Nähprojekte aus feinen Baumwolle- und Viscosestoffe sind die Corespun-Oberlockgarne ideal, sie passen optimal zum Nähgut. Für festere Stoffe und Jeans empfehle ich dir das normale Nähgarn No. 100. Die Investition in einen hochwertigen Faden lohnt sich allemal. Letzten Endes ist es deine wertvolle Zeit, die du an der Nähmaschine verbringst, und da arbeitest du doch gerne mit Materialien von einwandfreier Qualität.

6. Garnhersteller

Ich will es nicht unterlassen, zu den erwähnten Garnhersteller kurz über ihre Geschichte zu schreiben. Oft sind dies altehrwürdige Traditionsunternehmen mit deutschen Wurzeln, die durch Fusionen und Annexionen an Größe gewonnen haben und ihren Fortbestand gewährleisten konnten. Aber es gibt auch junge, innovative Unternehmen, die den Schritt in die Welt der Nähgarne gewagt haben. Für alle Garnproduzenten ist der größte Markt die Industrie. Hier fließen aktuelle Entwicklungen und Innovationen in neue Spinnverfahren und Technologien ein, je nach Kundenanforderungen und Marktchancen. Forschungen und Entwicklungen gehen heute vor allem in Richtung Samt Yarns. Für uns Hobbyanwender sind die hochspezialisierten Industriegarne kaum erhältlich. Für uns sind die gängigsten Produkte in kleineren Aufmachungen (Spulen) erhältlich. Nischenprodukte und haben entsprechend ihren höheren Preis.

In Übersee haben sich seit den 90er Jahren einige junge Garnhersteller etabliert, die den Patchwork- und Quiltboom zu ihrem Vorteil nutzten. Zum Teil sind diese Baumwollgarne in Deutschland erhältlich. Es sind es absolute Nischenprodukte und werden hier nur erwähnt.

6.1 Alterfil

Der Garnhersteller Alterfil GmbH ist einer der jüngsten Anbieter in Deutschland von erstklassigen Nähgarnen. 1994 wurde die ehemalige VEB Zwirnerei und Nähfadenfabrik Oederan (später durch die Treuhand privatisiert) vom Hauptaktionär der ehemaligen Zwirnerei Ackermann-Göggingen AG übernommen. Sein Ziel war es, neue und innovative Nähgarne herzustellen. Die ersten Jahre waren hart, die Konkurrenz groß. 2006 wurde die Firma in einem Management-Buy-out von zwei Mitarbeiter übernommen, beide waren bereits bei der Ackermann-Göggingen AG mit im Boot. Nach dem frühen Tod von Thomas Seitz führt nun Gosbert Amrhein als Geschäftsführer die Alterfil Nähfadenfabrik GmbH erfolgreich in die Zukunft. Das Herzstück ist das Corespun Nähgarn Alterfil S mit spezieller Ausrüstung, die beim Bügeln aktiviert wird. Die Nähte sind kräuselfrei, sie werden in sich selbst gesichert. Bei den Klöpplerinnen sind die Alterfil-Garne ebenfalls sehr beliebt. Die Nähgarne werden ausschließlich in Deutschland hergestellt.
Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®, S96-0017, Produktklasse I

Hier kannst du die Alterfil-Nähgarne kaufen.

6.2 Amann Group

Heute ist die Amann Group weltweit einer der drei größten Garnhersteller für Näh- und vor allem für Stickgarne. Sie ist noch heute ein Familienunternehmen. Die Mehrheit der Anteile ist im Besitz der Familienstiftung. Dies gewährleistet unter anderem den Fortbestand der Amann Group. Gegründet wurde das Unternehmen 1854 als Amann & Böhringer. In den nächsten Jahren machten sich die beiden Gründer einen Namen in der Seidenzwirnerei und hatten mit der Schwarzfärberei einen großen Erfolg zu verbuchen. Mit dem aufkommenden Protektionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten viele Textilbetriebe zu kämpfen. Nicht wenige gaben zu jener Zeit auf. Amann und Böhringer nutzten diese Chance und kauften 1880 den größten Konkurrenten. Mit dem Einsatz von neuen Ringspinnmaschinen wurde die Kapazität erheblich gesteigert. 1882 verlies Böhringer das Unternehmen. Seither ist die Amann & Söhne ein Familienunternehmen. Um 1900 wurde die erste Kunstseidenfabrik (Viskose) gegründet mit Erweiterungen an mehreren Standorten. Bis 1923 hielt Amann an der Seide und an der Viscose fest. Erst danach wurde Baumwolle verarbeitet. Während der Kriegsjahren stand die Firma lange still. Der Wiederaufbau erfolgte in großen Schritten, neue Techniken und Innovationen hielten in den Fabrikhallen Einzug. 1955 wurden die ersten Synthetik-Garne auf Erdölbasis verarbeitet und auf den Markt gebracht. Ein weiterer Konkurrent, die Adolf Müller AG wurde Ende der fünfziger Jahre aufgekauft. Hinzu kam 1971 der Schweizer Näh- und Stickgarnhersteller Mettler & Co AG (Arova Mettler AG) als Tochtergesellschaft. Den guten Namen der Schweizer wird heute für den Costumer-Bereich genutzt und deckt diesen mit den Produkten der Amann Group ab.
Amman & Söhne wuchs stetig und erweiterte kontinuierlich das Portfolio. In den neunziger Jahren wurde die Konkurrentin, die Zwirnerei Ackermann-Göggingen AG und dessen Färberei übernommen, jedoch ohne Markenrechte für die Nähgarne. 2008 erfolgten weitere Übernahmen wie den englischen Garnhersteller Oxley Threads. Mit dieser Akquisition erhielt die Amann Group Zugang in die Automobilindustrie.
In hauseigenen Forschungslaboren wird für die Zukunft geforscht. Zur Vernähung von intelligenten Textilien hat
Die Firmengruppe besitzt in 21 Länder Betriebsstätten und Tochtergesellschaften. Die Garne werden im In- und Ausland produziert und vertrieben.
Das Thema Nachhaltigkeit in der Textilindustrie ist für die Amann Group sehr wichtig. Seit Anfang 2019 ist die Firmengruppe der „Global Compact“ der Vereinten Nationen beigetreten. 2020 haben die Vereinten Nationen (UN) 50 weltweit führende Unternehmen für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ernannt – die AMANN Group wird im Namen der Textilindustrie vorgestellt.

Zertifizierung der Garne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®, 93.0.4233, Produktklasse I.

6.3 Aurifil

Aurifil gehört ebenfalls zu den jüngeren Garnhersteller. Das Gründungsdatum war 1983. Aurifil ist Teil der italienischen Gruppe Studio Aurigo. Studio Aurigo wurde 1957 von Angelo Gregotti gegründet mit dem Zweck, Stickdateien für Stickmaschinen zu entwerfen, herzustellen und zu verkaufen. In den siebziger Jahren begann die Zusammenarbeit mit dem japanischen Stickmaschinen Hersteller Tajima. Es folgte der Vertrieb der passenden Software für die Steuerung der Maschinen. Um das Angebot zum professionellen Sticken abzurunden, wurde der Garnhersteller Aurifil gegründet. Hauptaugenmerk wurde dabei auf natürliche Garne gelegt. Heute ist Aurifil mit seinen hochwertigen Baumwollnäh- und Stickgarnen weltweit bekannt, nicht nur in der Industrie, sondern auch bei den Patchworkerinnen und bei den Maschinenquilterinnen. Aurifil wird in Italien hergestellt. Die Farbenvielfalt ist enorm, je nach Ausführung stehen bis zu 270 leuchtende Farben zur Verfügung. Erhältlich ist das hochwertige Baumwollgarn in ausgesuchten Shops.
Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by ÖKO-TEX®, 065292.O, Produktklasse I.

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6.4 Coats

Die Coats Gruppe gehört ebenfalls wie die Amann Group zu den ganz Großen in der Garnherstellung. Der Fokus liegt bei Kunden in der Industrie und in den USA. Coats wurde 1802 in England als Weberei gegründet. 1826 kam eine eigene Baumwollspinnerei dazu, um das eigene Garn für die Weberei zu produzieren. Das machte sie in den kommenden Jahrzehnten zu einem Businessplayer und hat sich 1890 an der Londoner Börse (Stock Exchange) listen lassen. Der größte Konkurrent von Coats im eigenen Land war die Clark Thread Co (gegründet 1755), die Fusion fand erst 1952 statt. In den kommenden Jahren erfolgten weitere Übernahmen, unter anderem auch die deutsche Mez AG. Sie blieb bis 2015 in der Coats Gruppe und wurde anschließend der Aurelius Gruppe verkauft (2020 Weiterverkauf an einen Schweizer Unternehmer).

2004 wurde die Coats von der GPG (Guinness Peat Group, Investmentunternehmen) aufgekauft und an der Börse dekotiert. Gut 10 Jahre später gab es eine große Strukturbereinigung, man besann sich wieder auf das Kerngeschäft, der Nähgarnherstellung. 2015 verkaufte die GPG sämtliche Beteiligungen und übernahm den Namen der Tochtergesellschaft Coats. Die Coats Group wurde gegründet und anschließend wieder an der Londoner Börse gelistet.

Die Coats unterhielt jahrelang Preisabsprachen unter anderem mit Prym und YKK. 2007 wurde sie vom Europäischen Gerichtshof wegen Kartellabsprachen zu einer Geldbuße von 110 Mio EUR verdonnert. Das Urteil wurde 2012 bestätigt.
Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®,

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6.5 Gütermann

Gütermann war einst die weltgrößte Nähseidenfabrik. Aber alles von Anfang an. Gegründet wurde das Unternehmen 1864 von Max Gütermann. Die Jahre zuvor arbeitete er als Angestellter in Wien in einem der größten Seidenhandelshäuser der damaligen Zeit. Die Geschäfte liefen von Anfang an sehr gut, es wurde schon bald nach einem neuen geeigneten Standort gesucht. 1867 viel der Startschuss in Gutach mit 30 Mitarbeiter für die Nähseidenfabrik Gütermann & Co. An der Weltausstellung 1873 wurde die neue Verkaufseinheit vorgestellt. Verkauft wird nach Länge und nicht mehr nach Gewicht. In den Garnfärbereien wurde mit Blei gearbeitet, was sich auf das Gewicht des Nähfadens auswirkte. Zudem wurde neu die Länge im metrischen System angegeben. Erst viele Jahre später hielt diese Verkaufseinheit im Tex-System Einzug (1969). Weitere Innovationen der Firma Gütermann war die Erfindung der Kreuzwicklung auf Papphülsen und der Verkaufsschrank für die Nähgarne (diese Art mit dem Federsystem kennen wir heute noch). Wie viele andere Garnhersteller auch, setzte Gütermann in den fünfziger Jahren auf Polyestergarne um. 1961 kam die erst Ausgabe der Zeitschrift „die Naht“ mit Verarbeitungstipps auf den Markt. Neben all diesen Errungenschaften und Innovationen, darf nicht vergessen werden, dass ein Gründernachfahre sich der NSDAP anschloss, um damit das Überleben der Garnfabrik zu sichern (Lieferung der Nähgarne für die Uniformen). Später kam der Ausschluss, da Gütermann in Teilen der Ursprungsfamilie jüdische Wurzeln hatten, blieben jedoch bis Kriegsende unbehelligt.

Gewachsen ist Gütermann auch durch Aufkaufen der Konkurrenz oder für die Erweiterung des Sortimentes. Große Zukäufe waren 1999 der weltgrößte Großhandel für Bastel- und Dekobedarf KnorrPrandell und 2001 die alt eingesessene Schweizer Seiden- und Baumwollzwirnerei Zwicky & Co. Mit dieser Erweiterung sicherte sich Gütermann den besseren Zugang zur Automobilindustrie.

1995 war Gütermann der Garnlieferant für die Verhüllung des Reichstages von Christo. 2008 brachte Gütermann Garne mit der Micro-Core-Technology MCT auf den Markt. Mit dieser Technologie bekam der Umspinnzwirn eine neue Dimension. Anstatt herkömmliche Polyesterfaser für die Ummantelung benutzt Gütermann Microfilamente aus Polyester. Mit Beginn der Finanzkrise verlor das Familienunternehmen viel an Substanz. Zahlreiche Immobilien in Gutach mussten verkauft werden, ein massiver Stellenabbau folgte. Neue Wege wurde 2013 mit der gefälligen Stoffkollektion ring a roses beschritten.

2014 feierte das Gütermann Unternehmen das 150-Jahr Jubiläum und gab den der Verkauf des Familienunternehmens an die US-amerikanische American & Efird LLC (A&E) bekannt. Seit diesem Zusammenschluss trägt Gütermann das A&E vor dem Namen. A&E ist weltweit der zweitgrößte Näh- und Industriegarnhersteller. Seit 2018 ist A&E im Besitz des kalifornischen Investmentfonds Platinum Equity (Elevates Textiles).

Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®,

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6.6 Madeira

Der Stickgarn-Hersteller bekam seinen Namen erst 1975 in Anlehnung an die Inselgruppe Madeira, die für ihre hochwertigen Stickarbeiten bekannt war. Gegründet wurde das Familienunternehmen 1919 von Burkhardt & Schmidt als Garnfabrik in Freiburg. Sie stellte zuerst Nähfaden aus Baumwolle her, wechselte nach dem Krieg zur Herstellung von hochwertigen Stickgarnen für die Maschinenstickerei. In den 60er Jahren setzte man auf Viscose. Mit dieser Regeneratfaser wurde von Anfang an ein brillantes Maschinenstickgarn entwickelt, welches schnell große Erfolge auf dem industriellen Markt erzielte. Madeira färbt alle 450 Farben selber in eigenen Färbereien. Für die Einführung von Neon-Farben setzt das Unternehmen auf Polyester. Diese Stickgarne werden vor allem bei Sicherheitskleidung eingesetzt. Mit innovativen Zwirnkonstruktionen erarbeitet sich Madeira Alleinstellungsmerkmale für einzigartige Effektgarne. Hier liegt auch die Kernkompetenz von Madeira. Innovationen von Madeira gehen heute in Richtung Smart Yarns, intelligente Nähgarne für intelligente Textilien. 2017 hat die Unternehmung ihr leitfähiges, voll versilbertes HC (High Conductive) Garn aus Polyamid auf den Markt gebracht.
Als Sortimentserweiterung bietet die Unternehmensgruppe Näh- und Overlockgarne, Handstickgarne und allerlei Vliese und Zubehör zum Maschinensticken an. Weltweit besitzt die Familiengruppe, geführt von den Zwillingsbrüder Schmidt, mehrere Tochtergesellschaften mit über 400 Mitarbeiter. Die Hauptproduktion liegt nach wie vor in Deutschland.

Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®, 07.0.55729 Produktklasse I.

Zertifizierung der Stickgarne: STANDARD 100 by ÖKO-TEX®, 95.0.4919 Produktklasse I und STANDARD 100 by ÖKO-TEX®, 95.0.4921 Produktklasse II.

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6.7 Mettler

Der schweizerische Näh- und Stickgarnhersteller Mettler & Co AG (Arova Mettler AG) war seit 1971 eine Tochtergesellschaft der Amann & Söhne (Amann Group). 2018 wurde sie liquidiert. Der Name Mettler impliziert noch heute hochwertige Nähgarne und wird von der Amann Group für den Vertrieb im Einzelhandel verwendet. Die Garne entsprechen alle den hohen Qualitätsanforderungen der Amann Group. Zertifizierung der Garne:

STANDARD 100 by OEKO-TEX®, 93.0.4233, Produktklasse I.

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6.8 Ackermann Garne (nicht in der Liste)

Seit einigen Jahren tauchen auf dem deutschen Markt die Nähgarne von Ackermann auf. Hier ist zu beachten, das sind keine Garne der ehemaligen Zwirnerei Ackermann-Göggingen AG. Diese Unternehmung wurde 1993/94 von der Amann & Söhne (Amann Group) aufgekauft. Die Rechte am Namen Ackermann für Nähgarne wurden separat veräußert. Ich habe den Markeninhaber kontaktiert und um einige Details zu den Nähgarnen erfragt. Leider habe ich bis heute keine Reaktion erhalten. Das Ackermann-Garn wird für den Auftraggeber (Inhaber Markenrechte) hergestellt. Das Nähgarn ist unter anderem auch bei Discountern als Fadenset erhältlich. Ich habe keine Informationen zum Thema STANDARD 100 by OEKO-TEX® gefunden. Es kann gut möglich sein, dass dieses Garn keine Zertifizierung hat und somit für Babykleidung unter Umständen problematisch sein kann.

In meiner Tabelle habe ich bewusst auf den Eintrag verzichtet, da es kein „Markengarn“ im üblichen Sinn ist und ich keine weiteren Details vom Vertreiber erhalten habe.

Das war jetzt nochmals eine Menge an Informationen und Wissen. Im dritten Teil des ultimativen Nähgarn-Guide geht es um die Geschichte der Textilindustrie. Und die ist nicht ganz ohne. Der damalige Sklavenhandel hinterlässt noch heute seine Spuren. Aber spannend ist es allemal.

Quellenangaben zu “Alles über Nähgarne Teile 1 – 3”:

Fotos:
– Induux
– Von Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75761185
– Lotti Pfyl
– Shutterstock
– Digitale Sammlung Hinrich Heine Universität Düsseldorf

Text:
– Wikipedia
– Sajou
– Gütermann
– Fachwissen Bekleidung, Europa Lehrmittel, ISBN 978-3-8085-6210-9
– Studio Auriga.it
– Amann Group
– Coats Group
– eur-lex.europa.eu
– aureliusinvest.com
– buergerleben.com
– Manager Magazin
– Madeira.com
– Badische Zeitung
– Textilwirtschaft.de
– deutsches Patent- und Markenamt
– Shutterstock
– zefix.ch
– „King Cotton“ 2. Aufl. Sven Beckert, ISBN 978-3-406-65921-8
– Bonjour Geschichte
– Stitch&Print international
– Soie Pirate, Geschichte der Firma Abraham, Band 1, schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85881-310-7
– Indiennes, Stoff für tausend Geschichten; schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85616-892-6
– Silk, Mary Schoeser: ISBN 978-0-300-11741-7
– Neue Zürcher Zeitung
– Intelligente Verbindungen, Band 1; Netzwerk Mode Textil eV

Alles über Nähgarne, Teil 1

Mit Wissen nähst du besser.

Teil 1 des ultimativen Nähgarn-Guide

1. Aufmachung der Fadenspulen:

Da fangen wir zuerst mit den Wicklungen an. Die alte traditionelle Wicklungsart ist die Parallelwicklung. Hier liegen die Fäden im rechten Winkel zur Spulenachse. Sie verlaufen parallel in der gleichen Richtung. Diese Art des Garnaufwickelns verwenden die Handspinner. Einzelne Nähgarnhersteller bieten diese Wickeltechnik noch heute für spezielle Produkte an. Den Unterfaden für unsere Nähmaschine spulen wir ebenfalls in derselben Technik.

Parallelwicklung

Überwiegend werden heute die Garnrollen in Kreuzwicklung gespult. Das heißt, die einzelnen Fäden werden in einem Winkel von 45 Grad kreuzweise auf die Spule gewickelt. Dies verhindert zum Beispiel bei scheibenlosen Hülsen ein Abrutschen des Nähgarns.

Kreuzwicklung

Es gibt vier verschiedene Arten von Garnspulen.

– Scheibenspulen
– Snap-Spulen
– Zylindrische Kreuzspulen
– Konische Kreuzspulen
– Fußspulen, Kingspulen

Nähgarne

2. Qualitätsanforderungen

Was zeichnet ein qualitativ gutes Nähgarn aus, welche Kriterien gelten für Polyestergarne und für Naturgarne.

Als Erstes muss das Nahtbild einwandfrei sein, optisch, und nähtechnisch. Dies bedingt, dass das Garn eine gewisse Elastizität aufweist, reißfest und scheuerbeständig ist. Zudem sollte es wasch- bügel- und reinigungsbeständig sein. Der Nähfaden ist stressfrei (nicht nur für dich) zu verarbeiten, das heißt, er gleitet fusselfrei durch die Fadenspannung deiner Nähmaschine. Gutes Nähgarn erkennst du daran, dass es gleichmäßig und ohne Knoten versponnen wurde.

Unter dem Vergrößerungsglas erkennst du feine abstehende Fasern. Diese gewährleisten, dass der Faden beim Vernähen da bleibt wo er hingehört. Diese feinen Fasern müssen fest mit dem Nähfaden verzwirnt sein. Optisch passt der Nähgarn zu deinem Nähgut, farblich wie ebenso von der Stärke.

Alle in meinem Artikel erwähnten Nähgarne erfüllen den STANDARD 100 by OEKO-TEX®. Bitte achte auf diese Zertifizierung, so bist du auf der sicheren Seite, dass die selbstgenähten Kleider, vor allem für die Kids, auch wirklich frei von Schadstoffen sind.

Willst du mehr über diesen Standard wissen? Willst du die Nummer prüfen?

 

OEKO-Tex

2.1 Schlechtes Nähgarn erkennen

Bei den Herstellerangaben findest du alle Informationen, die du benötigst, um qualitativ gutes Nähgarn zu erkennen: Material, Stärke, Lauflänge, Verzwirnung.

Wie kannst du die Qualität der Nähgarne unterscheiden, welche Trigger gibt es, die dich aufhorchen lassen?

• Fehlende Angaben der Stärke (hier ev. beim Händler nachfragen); falsche Angabe der Stärke. Zum Beispiel haben Garne aus Polyester zum Nähen nie die Stärke No. 40. Dann sind es Stickgarne mit geringer Reißfestigkeit, zum Nähen ungeeignet, resp. ist die Oberflächenstruktur zu glatt für ein optimales Nähergebnis bei der Verwendung als Ober- und Unterfaden.

• Knoten im Garn.

 

Billiggarn-Knoten

• Gewichtsangaben anstatt Längenangaben.

Nähgarn-Gewicht

• Längenangaben in Yards sind in Europa unüblich. Längenangaben von 2700 m entspricht nicht unseren Gepflogenheiten von 1000 m, 2000 m, 2500 m etc., 2700 m sind ca. 3000 Yards. Yard ist ein angloamerikanisches Maß, wird auch im asiatischen Raum verwendet. Bei solchen Angaben ist die Gefahr groß, dass es sich um Billigimporte handelt.

• Fehlende Angaben zur Zertifizierung STANDARD 100 by OEKO-TEX®.

Billiggarn-ohne-Qualität

• Qualitativ gutes Nähgarn kannst du ebenfalls daran erkennen, wie die Spulen gewickelt sind. Diese müssen fest und kompakt sein, nirgends ist eine Möglichkeit mit den Fingern das Garn zu verschieben. Bei den Konen rutschen keine Fäden über den Fuß. Oft wird sehr locker gespult, das dadurch entstandene größere Volumen soll Menge vortäuschen

Billiggarn

3. Material

Nähgarne werden aus Naturmaterialien wie Baumwolle, Seide, Viscose (zum Sticken) und aus Kunstfaser, vornehmlich aus Polyester und recyceltem Polyester hergestellt. Polyester ist Polyethylenterephthalat, auch unter der Bezeichnung PET bekannt.

3.1 Nähgarn aus Baumwolle:

Für die Herstellung von Nähgarn wird nur die beste Baumwolle mit den längsten Stapeln (Fasern), sogenannte ELS (Extra long staple) Baumwolle verwendet. Davon gibt es nur ca. 8-10% der gesamten Weltproduktion. Diese luxuriösen Fasern sind länger und kräftiger und eignen sich deshalb vortrefflich für hochwertige Gewebe und für die Nähgarn-Herstellung.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du folgenden Hinweise:
– Mako-Baumwolle
– langstaplige ägyptische Baumwolle
– Extra long staple (ELS) Egyptian cotton
– 100 % Cotton ELS

Baumwollgarn-Cotton

Damit die feinen gleichmäßigen Nähgarne entstehen, wird zu Beginn des Prozesses größte Sorgfalt darauf verwendet, die kurzen Fasern auszuscheiden. Nach dem Kardieren (Kämmen der Fasern, damit alle parallel liegen) wird das Kardenband mehrmals gestreckt und wieder zu mehreren Strängen zusammengelegt. So wird eine bessere Durchmischung der verschiedenen Fasern erreicht. Zuerst erfolgt das Spinnen des Vorgarnes und anschließend das Feinspinnen. Das ist die letzte Stufe der Herstellung von Spinnfasergarnen. Hier erhält das Garn die Feinheit und durch die Verdrehung die Festigkeit. Damit ein Garn entsteht, mit dem gut zu arbeiten ist, werden je nach Verwendung, mehrere solcher Einfachgarne miteinander verzwirnt. Dadurch erhält man eine gleichmäßige Garnstruktur, Unebenheiten im Feingarn werden so egalisiert. Die Anzahl der mitverwendeten Garne nennt man Fachung. Das Verzwirnen erhöht die Stabilität und die Reißfestigkeit. Früher wurden für Nähgarne 3 – 4 Feingarne miteinander verzwirnt. Mit den heutigen modernen Verarbeitungs- und Spinnverfahren erhält man mit einer Fachungszahl von 2 qualitativ hochwertige Nähgarne. Diese Angabe auf dem Etikett ist dadurch etwas in den Hintergrund geraten, so galt die Anzahl der Fachung als Qualitätsmerkmal für die Festigkeit des Garnes. Die Fachung wird nach der Bezeichnung der Garnstärke aufgeführt, getrennt durch einen Schrägstrich. Die Garnstärke wird mit einer Massennummerierung angegeben, das Gewicht bezogen auf eine festgelegte Länge. Dazu lies mehr darüber im separaten Kapitel.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– Ne 50/3
– Ne 50/2
– NE 30/2
– No 50
– 40 wt. 3-ply
– No. 60
– Cotton 28

Baumwollgarn-No.

Das rohe, verzwirnte Nähgarn wird durch das Mercerisieren veredelt. Dabei wird der Faden durch eine Natronlauge gezogen, wodurch sich die Faserstruktur und deren Eigenschaften positiv verändern. Das Garn erhält einen wunderbaren Glanz wie Seide. Mercerisierte Baumwolle läuft nicht ein.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– mercerisiert
– Silk-finish

3.2 Nähgarn aus Polyester:

Die Polyesterfaser (PES) gehört in die große Familie der Polymere. Für die Herstellung von Textilfaser wird der thermoplastische Kunststoff Polyethylenterephthalat (PET) verwendet. Die Herstellung erfolgt im Schmelzspinnverfahren. Die geschmolzene Spinnmasse wird durch Spinndüsen gepumpt, verstreckt und aufgewickelt. Je nach Eigenschaften der späteren Garnes, haben die Spinndüsen verschieden Querschnitte. Die Fasern sind endlos (Filamente), werden als einzelnen Faden Monofil genannt, resp. mehrere zusammen als Multifil bezeichnet.

Thermoplastische Multifile können gekräuselt (texturiert) werden, daraus entsteht das Bauschgarn.

Multifil-texturiert

Monofile mit einem dreieckigen Querschnitt werden zu trilobalen Multifilamente verzwirnt. Diese Garne werden vorwiegend als Maschinenstickgarn verwendet, da die Oberfläche das Licht reflektiert und damit den wichtigen Glanz erzeugt.

Trilobal

Für weitere Verwendungszwecke wie zum Beispiel Nähen, werden die Endlosfasern zu Stapelfasern gerissen. Zwei Arten sind hier vorherrschend, den „Woll-Typ“ und den „Baumwoll-Typ“. Die anschließenden Spinn- und Zwirnvorgänge sind ähnlich wie bei den Naturfasern.

Fasergarn_Amann

Durch die Anwendung in der Industrie sind moderne Hightech Spinnverfahren für Polyesterfasern mit einer Kern-Mantel-Struktur geschaffen worden. Im Inneren des Kerns läuft ein Monofil, der für die Stabilität sorgt. Die Umzwirnung mit Stapelfasern sorgt für den textilen Charakter, ähnlich den Baumwoll-Nähgarnen. Diese Garne sind fein und dennoch enorm reißfest. Sie bieten höchste Qualität für deine Nähprojekte. Das ist so quasi der Goldstandard.

Corespun

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– 100 % Polyester
– Core Spun
– Core-Zwirne, -Garne
– Umspinnzwirn
– Kernzwirn
– Micro-Core-Technology (MCT)

Polyester-Corespun

Das Polyester-Nähgarn ist ein sogenannter Allesnäher. Das Garn ist für viele Zwecke einsetzbar. Es wird in diversen Texturen und Stärken hergestellt, ja nach Verwendungszweck. Das Garn kann hochglänzend sein wie zum Beispiel für Maschinenstickarbeiten (Trilobales Multifilament), matt und unaufdringlich für exklusive Nähprojekte, feiner wie Seide für transparente Blindstichsäume, robust und kräftig für sportliche Absteppungen.
Die Angaben für die Garnstärke wird längenbezogen festgelegt, das heißt, die konstante Länge wird auf eine bestimmte Masse bezogen. Manchmal wird zusätzlich die Fachung angegeben, wie beim Baumwollgarn.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– No. 100
– No. 120
– Nm 26/3
– No. 40 bei Polyester-Stickgarn
– wt 40 bei Polyester-Stickgarn
– PB 40 bei Polyester-Stickgarn

Zum Thema Nachhaltigkeit wird seit ca. 10 Jahren Fasern aus recyceltem PET (Getränkeflaschen) beigemischt und Garne oft sogar aus 100% recycelten Fasern hergestellt.

Polyester-No

3.3 Nähgarn aus Seide:

Seide ist die edelste Naturfaser. Garne daraus werden auf zwei Arten hergestellt. Die feinen Spinnfäden aus dem inneren des Seidenkokons werden zu Haspelseide verarbeitet. Alles, was vom Kokon nicht mehr abgehaspelt werden kann, wird im Kammgarnspinnverfahren zu feinen Schappseidengarnen aufbereitet. Früher wurden beide Seidenarten zu Nähgarnen verzwirnt, heute wird vornehmlich nur die günstigere Schappseide dazu verwendet.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– 100 % Seide
– 100 % Schappseide
– 100 % Seide, Fasergarn
– 100 % Haspelseide
– 100 % Soie/Silk
– 100 % Silk Filament (Haspelseide)

Seidengarne

Das Nähen mit Seidengarn ist etwas exklusives. Entsprechend höher ist der Preis. Planst du ein Nähprojekt mit schimmernden Seidengeweben, ist das passende Nähgarn aus Seide. Bei den Nähgarnstärken gibt es nur zwei Ausführungen: das normale Nähgarn und die Knopfloch-Seide (Cordonnet-Seide) für Knopflöcher mit der Hand.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– No 100
– No 40

3.4 Garn aus Viscose / Rayon:

Viscose ist eine Regeneratfaser. Zellulose aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, wird mit chemischen Zusatzstoffen zu einer Masse aufbereitet. Diese Masse wird ähnlich wie Polyester durch Spinndüsen zu einem Filament gepumpt. Der Spinn- und Zwirnvorgang ist ähnlich dem bei Polyestergarnen. Das Viscosegarn hat einen intensiven Glanz, so wurde es früher oft als Kunstseide bezeichnet. Heute ist es das ideale Stickgarn für Maschinenstickereien. Die Bezeichnung Rayon wird in den USA anstelle von Viscose verwendet.
Das Viscosegarn eignet sich nicht zum Nähen, da die Robustheit und die Reißfestigkeit fehlen. Es wird meistens nur in einer Stärke angeboten. Die Stärkebezeichnung leitet sich aus der Tradition der Baumwoll-Stickgarne ab. Dies wurde bis heute beibehalten und gilt als Standard.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– 100 % Viscose
– 100 % Viscose Filament
– Rayon 40
– No. 40

Viscosegarn

3.5 Nähgarn aus Polyamid / Nylon:

Polyamid ist ein Kunststoff aus Erdölprodukten. Nylon ist ein Markenname für Garne aus Polyamid. Die Garne werden ähnlich hergestellt wie jene aus Polyester. Der Unterschied besteht darin, dass die Filamente reißfester und elastischer sind als jene von Polyester. Die transparenten Monofilgarne eigenen sich für unsichtbare Nähte. Sie sind nur eingeschränkt UV-belastbar.

Multifilgarne aus Polyamid werden bondiert angeboten. Das heißt, die einzelnen Garne werden beim Verzwirnen miteinander verklebt. Dadurch erhöht sich die Abriebfestigkeit und die Strapazierfähigkeit, die Elastizität bleibt dabei erhalten. Diese Garne sind ideal zur Verarbeitung von Produkten aus Leder und Kunstleder, für kräftige Gewebe wie Cordura und Planen.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen für Monofilgarne ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– Transfil
– Monolon
– Invisible

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen für bondierte Multifilgarne ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– Nylbond
– Zwibond
– Strongbond

Monofil-Polyamid

Das transparente Monofilgarn wird nur in einer Stärke angeboten. Hingegen werden die bondierten Multifilgarne in vielen verschiedenen Stärken hergestellt, je nach Verwendungszweck in der Industrie. Für Haushaltnähmaschinen gibt es zum Teil Aufmachungen in kleinen Größen.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– No. 40
– 60
– 80

3.6 Elastische Nähgarne

Elastische Nähgarne aus Polyester gibt es schon länger auf dem Markt. Es sind texturierte Multifilamente mit einem Kräuseleffekt, durch den die Dehnbarkeit erzielt wird. Die einzelnen Filamente sind nicht elastisch, sie werden auch nicht miteinander verzwirnt. Durch die Kräuselung wirkt das Garn sehr voluminös. Daher kommt die Bezeichnung Bauschgarn. Dieses Garn wird zum Teil nur als Greiferfaden in den Over- und Coverlockmaschinen eingesetzt. Das Bauschgarn von Gütermann kann bei der Over- und Coverlockmaschinen ebenfalls als Nadelfaden eingesetzt werden. Zum Nähen mit der normalen Haushaltnähmaschine ist es nicht geeignet. Bauschgarn wird aus 100% Polyester hergestellt.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgende Hinweise:
– Bauschgarn
– elastischer Greiferfaden
– texturiert

Bauschgarn-texturiert

Seit einiger Zeit gibt es für die Haushaltnähmaschinen ebenfalls ein elastisches Nähgarn. Dieses wird jedoch nicht aus Polyester hergestellt, sondern aus PTT (Polytrimethylenterephthalat). Es braucht etwa Übung, mit diesem neuartigen Nähgarn zu nähen. Die Fadenspannung muss mit Ausprobieren eruiert werden, da es noch kaum Erfahrungswerte gibt. Jede Nähmaschine ist da individuell. Auch ist die Anzahl der erhältlichen Farben noch relativ klein. In der Industrie hat sich dieses Nähgarn bereits seit längerem etabliert, die Nähautomaten und die Nadeln werden sorgsam auf das elastische Garn und das Nähgut abgestimmt. AmannGroup-Mettler bringt für uns Hobbyanwender in kleiner Aufmachung das Seraflex mit der Stärke 120 auf den Markt. Seraflex ist identisch mit dem Industriegarn Sabaflex. Den Einsatzbereich sehe ich eher in körpernahen DOB und HAKA, Sportswear und in der Lingerie. Die Zukunft wird es weisen, ob sich dieses sehr spezielle Nähgarn etabliert.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgenden Hinweis:
– Seraflex
– PTT
– No. 120

Seraflex-Mettler

3.7 Nähgarne aus Mischmaterialien:

Die vielfältigen Anwendungen in der Industrie bringen viele neue Innovationen in der Nähgarntechnik hervor. Mischgarne aus verschiedenen Materialien entstehen. Zum Beispiel Umspinnungsgarne mit einer Polyesterseele und außenrum Baumwollzwirn. Mit dieser Kombination können bei Nähautomaten höhere Nähgeschwindigkeiten erzielt werden, da die Baumwolle die Nadeln kühlt. Die Haptik ist nah beim Baumwollgarn.

Auf den Etiketten und Produktbezeichnungen ließt du zum Beispiel folgenden Hinweis:
– 70 % Polyester / 30 % Baumwolle
– Corespun Baumwolle / Polyester

– Jeansnähgarn

Poly-Cotton-Mischgarn

3.8 Metallic-Garne

Diese Garne vermitteln Glamour und Glanz, sie werten jede Stickerei auf. Verschiedene Produzenten stellen hochwertige Metallic Garne her. Vorwiegend sind es metallisierte Folienbändchen aus Polyester welche, um Multifilamente aus Polyester, Polyamid und Viscose gesponnen werden. Als Unterfaden wird immer ein neutraler feiner Polyesterfaden verwendet.

Metalicgarne

3.9 Smart Yarns

Bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Textilien mit einer Silberbeschichtung produziert. Die elektrische Leitfähigkeit und die antibakterielle Wirkung von Silber wurde schon da nutzbringend eingesetzt. Im Laufe der Jahre wurden die Gewebe immer präziser, der Kreativität werden keine Grenzen gesetzt. Seit langen kennen wir im Auto die Sitzheizung, Fitnessanzüge, welche die Muskeln stimulieren, eigenständig leuchtende Warn-Berufskleidung und viele mehr. In neudeutsch heißen diese Gewebe Smart Textiles resp. intelligente Textilien. Mit der Entwicklung von vollversilberten Stickgarnen, den Smart Yarns, tut sich eine neue Dimension ein. Man benötigt keine kompakten Flächen mehr, sondern man kann gezielt die elektrischen Impulse da hinbringen, wo sie benötigt werden, indem man die Wege stickt. Spontan kommt mir in den Sinn, wie wäre es, wenn wir an unseren Mänteln und Jacken wunderschöne Muster und Motive sticken, diese mit einem Sensor versehen, elektrische Spannung reingeben und diese bei beginnender Dunkelheit draußen anfangen zu leuchten.

Aber, bis jetzt sind diese Stickgarne und Komponenten nur für die Industrie verfügbar. Die Zeit wird auch für uns kommen, bestimmt.

Smart-Yarn-amann

Das war jetzt eine Menge an Text und Wissen. Im zweiten Teil des ultimativen Nähgarn-Guide geht es um die Nummerierung der Nähgarne. Ich erkläre dir den Weg durch den Dschungel. Versprochen!

Quellenangaben zu “Alles über Nähgarne Teile 1 – 3”:

Fotos:
– Induux
– Von Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75761185
– Lotti Pfyl
– Shutterstock
– Digitale Sammlung Hinrich Heine Universität Düsseldorf

Text:
– Wikipedia
– Sajou
– Gütermann
– Fachwissen Bekleidung, Europa Lehrmittel, ISBN 978-3-8085-6210-9
– Studio Auriga.it
– Amann Group
– Coats Group
– eur-lex.europa.eu
– aureliusinvest.com
– buergerleben.com
– Manager Magazin
– Madeira.com
– Badische Zeitung
– Textilwirtschaft.de
– deutsches Patent- und Markenamt
– Shutterstock
– zefix.ch
– „King Cotton“ 2. Aufl. Sven Beckert, ISBN 978-3-406-65921-8
– Bonjour Geschichte
– Stitch&Print international
– Soie Pirate, Geschichte der Firma Abraham, Band 1, schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85881-310-7
– Indiennes, Stoff für tausend Geschichten; schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85616-892-6
– Silk, Mary Schoeser: ISBN 978-0-300-11741-7
– Neue Zürcher Zeitung
– Intelligente Verbindungen, Band 1; Netzwerk Mode Textil eV

Zuschneiden wie ein Profi – 10 Tipps

Zuschneiden wie ein Profi 

10 Tipps, damit beim Zusammennähen alles passt.

Hast du oft einen Bammel, deinen teuren Stoff zu zerschneiden? Du weisst nicht wie du dein Schnittmuster auf den Stoff auflegen musst? Jeder rät dir zu einer anderen Nahtzugabe und kannst dich nicht entscheiden was nun richtig ist?

Für dich habe ich den Prozess aufgeschlüsselt und 10 Tipps daraus gemacht. Denn das Zuschneiden fängt bereits mit dem Stoffeinkauf an.

Tipp 1:

Stoffeinkauf

Stoffeinkauf: Schau immer zuerst beim Schnittmuster den Stoffbedarf nach, und ganz wichtig, auch die Stoffempfehlung. Am einfachsten ist es, du nimmst das Schnittmuster zum Einkauf mit. Du wirst kein Nähglück finden, wenn du ein Schnittmuster für Webware wählst und dein Stoff ist zum Beispiel ein French Terry, ein Romanit oder ein anderer aus dem Bereich der dehnbaren Stoffe. Umgekehrt ist es übrigens das gleiche. Also wähle immer den passenden Stoff zur Empfehlung auf dem Schnittmuster. Beim Stoffkauf nimm lieber etwas mehr Stoff als zu wenig oder nur ganz knapp. So hast du eine Reserve, für den Fall, dass du etwas falsch zugeschnitten hast (das passiert nicht nur den Anfängern 😊) und du hast zusätzliche eine Reserve, sofern der Stoff bei der ersten Wäsche einläuft. Dazu lies meinen Tipp 2:

 

Tipp 2:

wäschewaschen

Vorwaschen

oder nicht. Da scheiden sich die Geister. Viele waschen vor, schmeissen den Stoff anschließend in den Trockner mit der Begründung, ich behandle den Stoff so, wie später das genähte Kleidungsstück. Generell gesagt, ist dieser Einwand gar nicht schlecht. Aber die Gewebe und die Materialien muss man doch etwas differenzierter betrachten. Viele Stoffe aus Naturfasern und auch aus Mischgeweben schrumpfen beim ersten Waschen. Oft ist der Einsprung (einlaufen, schrumpfen) in der Breite und in der Länge unterschiedlich. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Kette beim Webstuhl (Webmaschinen) unter großer Spannung steht. Der Schuss hingegen wird in die Kette gelegt und angeschlagen. Wird der Stoff nach dem Weben nicht entsprechend oder nur wenig ausgerüstet (bleichen, veredeln, bedrucken, mercerisieren etc.), besteht diese Spannung bis zur ersten großen Wäsche erhalten. Danach ist die Spannung weg und das Gewebe um ein paar Zentimeter kürzer. Bei qualitativ guten Stoffen ist dieser Schrumpfungsprozess weniger groß als bei günstiger Ware, ist aber auch abhängig von der Faser. Der Einsprung wird in Prozent angegeben. Dieser kann oft bis zu 10%! betragen. Das heißt, bei einer Stofflänge von 2 m haben wir nach der ersten Wäsche 20 cm weniger zum Zuschneiden zur Verfügung. Benutze keinen Weichspühler.

Abdampfen

Stoffe, welche ich vernäht nur mit dem Feinwaschprogramm waschen würde, dampfe ich aus, anstatt zu waschen. Das ist zwar ein etwas zeitintensives Vorgehen, aber erfüllt den Zweck der Vorbehandlung. Dazu führst du das Dampfbügeleisen* Abschnitt für Abschnitt über den Stoff und benutzt dazu die höchste Stufe des Dampfes. Nicht über den Stoff gleiten, dem Dampf Zeit geben, dass er in die Faser eindringen kann. Anschließend das Gewebe gut auskühlen lassen.

Tipp 3:

falten

Die Stoffe vor dem Zuschneiden immer bügeln. Ob sie nun vorgewaschen sind oder nicht. Nichts ist schlimmer als Falten und Rümpfe unter dem Schnittmuster die die Schnitteile verziehen und verformen. Unter Umständen kann dies die ganze Form des Kleidungsstückes zunichtemachen.

Tipp 4:

SM ausmessen

Schnittmuster ausmessen.

Die wichtigste Einsicht: das Schnittmuster hat ganz selten deine Kaufgröße. Ausser vielleicht, dein Körper entspricht mit den Maßen der Normgröße 38. Unser Körper verteilt die Polster ganz unterschiedlich. Bei einigen Frauen mehr seitlich, die haben dann ein «breites Becken», oder eher an Po oder und am Bauch oder beim Busen. Mit der heutigen Ernährung haben sich im Laufe der Zeit die Körper verändert. Im letzten Jahrhundert wuchsen wir durch die sehr eiweißhaltige Ernährung immer überdurchschnittlich. Dann kam der Wohlstand, der Überfluss, der Zucker, das Weissmehl und wir bewegten uns bedeutend weniger. Und unsere Figur wurde in Apfelform und Birnenform unterteilt, je nach dem, wo sich die Fettpolster niederliessen. Leider werden Schnittmuster nur ganz selten nach diesen Körperformen erstellt, geschweige denn nach großem Busen oder nach Beinen und Hüften mit Lipödemen.

Deinen Körper ausmessen

Als erstes misst du deinen Körper aus. Am besten geht das, wenn dir jemand dabei hilft. Vergleiche deine Maße wie die bei der Maßtabelle des Schnittmusters. Danach messe die Maße auf dem Schnitt nach. Die Differenz zwischen Tabelle und Schnittmuster ist der sogenannte Bewegungszuschlag. Dieser Zuschlag ist so individuell wie dein Körper. Also jeder Schnitt, jeder Designer hat die ihm eigenen Zuschläge. Dass zum Beispiel ein Mantel einen größeren Bewegungszuschlag aufweißt, als eine enge Bluse oder einen Bleistiftrock sollte dir klar sein. Die Maße auf dem Schnittmuster trägst du auf dem Maßband ab und legst dies um die betreffende Stelle bei deinem Körper. Du siehst jetzt ungefähr, wie weit oder wie eng das Kleidungsstück sitzen wird. Korrigiere wenn nötig dein Schnittmuster.

Korrekturen

Eine Korrektur bedarf auch oft den Brustpunkt. Je nach unserem Alter und welchen BH wir üblicherweise tragen, stimmt der mit dem jugendlichem Normbrustpunkt nicht mehr überein. Bei enganliegender Kleidung und großer Körbchengröße empfehle ich dir da auch die entsprechende Anpassung vorzunehmen. Diesbezüglich findest du im Netz viele Hilfen, von Fachleuten und leider auch einige, nicht sehr empfehlenswerte «handgestrickte» Anleitungen. Fast überall wird die Balance zwischen Rückenlänge und Vorderer Länge vernachlässigt, ebenso wird die Armlochtiefe nicht berücksichtigt.  Das Ergebnis ist selten zufriedenstellend. Empfehlen kann ich diese Anleitung. Sie ist zwar auf Englisch, aber es sind genügend Bilder da, um alles zu verstehen.

Ein so adaptiertes Schnittmuster enspricht nie einem Maßschnitt. Es ist immer nur eine Annäherung.

Tipp 5:

SM auflegen

Auflegen des Schnittmusters: Die Schnittteile müssen normalerweise immer als Paar oder im Stoffbruch zugeschnitten werden. Also lege deinen vorbereiteten Stoff rechte auf rechte Seite zur Hälfte gelegt auf deinen Tisch. Dabei treffen die Webkanten exakt aufeinander. Das heißt, die rechte Stoffseite liegt normalerweise innen. Musst du jedoch auf das Muster achten, lege die rechte Stoffseite nach aussen. Verwende die Webkanten nicht.

Bei Jersey, welcher als Schlauch gestrickt wird, sind die Kanten aufgeschnitten. Diese Kanten lege ebenfalls aufeinander. Lege die einzelnen Schnittteile auf den Stoff, die Ausrichtung ist für alle Schnitteile die gleiche. Passt alles, ist genügend Stoff vorhanden, kannst du jetzt mit dem definitiven Aufstecken beginnen. Benutze dazu feine Stecknadeln*. Achte darauf, dass der eingezeichnete Fadenlauf auf dem Schnittmuster mit dem Fadenlauf deines Stoffes übereinstimmt. Zur Überprüfung messe den Abstand zur Webkante. Webkante und Fadenlauf Schnittmuster sind parallel. Benutze keine Nähgewichte, ausser du arbeitest mit leichten Geweben wie Seide oder mit Gewebe, dem Einstiche von Stecknadeln nicht guttun.

Webkanten

Muster, Rapporte

Ist dein Stoff gemustert, kariert oder gestreift? Analysiere zuerst das Muster. Wie ist die Ausrichtung? Zeigt das Muster nur in eine Richtung? Dann schneide die Teile alle in einer Richtung aus. Bei figürlichen Mustern wie auf dem Bild

Zuschneiden-laufrichtung

Symetrische Karos

Bei Karos schau genau hin, ist das Karo oben und unten, rechts und links gleich und regelmässig, kannst du die Schnittteile platzsparend auflegen. Bei den  Seitennähten müssen die waagrechten Karolinien aufeinander treffen.

Zuschneiden-karogleich

Asymetrische Karos

Ist das Karo unregelmäßig, asymetrisch, lege besondere Sorgfalt in das Auflegen. Die Asymetrie muss bei allen Schnittteilen in die gleiche Richtung weisen. Die waagrechten Linien treffen bei den Seitennähten aufeinander.

Zuschneiden-karomit

Samt, Cord, Plüsch & Co

Stoffe mit einem Flor, also Samt, Cord, Plüschstoffe immer gegen den Strich zuschneiden. Du erkennst es, wenn du entlang der Webkante mit dem Finger fühlst, auf welche Seite sich die Härchen legen. Legen sie sich widerstandlos, ist das die Strichrichtung. Beim Zuschneiden muss diese Richtung immer in Richtung Schulter zeigen.

Gegendenstrich

Kennzeichnung Rückseite

Kannst du die Vorderseiten und die Rückseiten kaum voneinander unterscheiden, markiere die Rückseite der Schnittteile immer mit einem X. Benutze dazu eine Schneiderkreide.

RSbezeichnen

Tipp 6:

nahtzugabe

Nahtzugabe und Aufzeichnen des Schnittmusters. Meine Empfehlung für die Nahtzugabe: 1 cm in der Regel. Weniger ist nicht sinnvoll, das Nähen wir dadurch eher erschwert als erleichtert. Lass dich nicht blenden, wenn im Nähbeschrieb steht «Nahtzugabe zurückschneiden» und du denkst, da kann ich ja schon zu Beginn weniger zuschneiden. Es gibt Ausnahmen, wo du mehr Nahtzugaben zuschneiden musst, wie zum Beispiel beim einem Nahtschlitz (Lektion 3, Modul 1). Säume werden in der Regel mit 3 – 5 cm Zugabe zugeschnitten. Wenn du überall die exakt gleiche Nahtzugabe mit Hilfe eines Handmaßes* schneidest, musst du die  Nahtlinie nicht mehr einzeichnen. Du kannst dir diese Arbeit sparen.

Schneide zuerst alles Teile aus, die im Bruch zugeschnitten werden und alle Teile, die im Paar zugeschnitten werden. Danach die doppelte Stofflage aufklappen, und alle Teile zuschneiden, die nur einlagig sind.

Übertragen musst du aber auf alle Fälle sämtliche Pics und Markierungen. Ich zeige dir drei mögliche Varianten, wie es die Profis heute machen.

Tipp 7:

pic

Übertragen der Schnittmarkierungen:

Es ist wichtig, dass du sämtliche Markierungen wie Nahtzeichen, Abnäher, Falten etc. auf den Schnitteilen überträgst. Diese benötigst du für das anschließende Nähen der einzelnen Teile.

 

Variante 1 mit Schneiderkreide*, oder mit einem Kreidestift*. Hier musst du auf beiden Stoffteilen die Markierungen anbringen.

Kreidemarkierung

Variante 2: Markierungen werden in der Nahtzugabe eingeschnitten, innerhalb der Schnittteile mit Kreidestiften als Punkt ausgeführt. Das Einschneiden hat den Vorteil, dass beide Stoffteile gleichzeitig markiert werden können.

Dies ist meine favorisierte Art Pics und Markierungen zu übertragen.

Markierungschneiden

Variante 3:

Mit doppeltem Reihgarn* die Punkte mit einem Stich abnähen. Die Fäden mit einer Schlaufe stehen lassen, anschliessend die Stoffteile auseianderziehen und die Fäden in der Mitte durchschneiden. Wie du siehtst, habe ich beim Abnäher nur die Anfangs- und Endpunkte markiert. das reicht vollkommen aus und erspart dir Zeit.

Nimm für diesen Zweck keinen Nähfaden. Er ist zu glatt und rutsch leicht aus dem Gewebe raus. Die Griffigkeit des Reihgarns garantiert, dass das Garn da bleibt, wo es sein soll.

Ich habe diese Art des Markieren damals im Handarbeitsunterricht gelernt. Da wurde jedoch auch die ganze Nahtlinie so abgenäht. In Schweizer Mundart heisst dieser Vorgang “Fädle”.

 

 

Faedle
Fadenmarkierung

Tipp 8:

Schnittmuster

Lass das Schnittmuster auf den Schnittteilen, bis du sie zum Nähen verwendest. Musst du auf einigen Schnitteilen Einlage aufbügeln, kontrolliere anschließend die Markierungen, ob sie noch sichtbar sind. Wenn nicht, arbeite sie nach. Das Schnittmuster kommt wieder auf den Stoff.

Tipp 9:

Schere

Leiste dir eine gute Zuschneide-Schere. Sie soll optimal in der Hand liegen, nicht all zu schwer sein, damit du ermüdungsfrei zuschneiden kannst. Gute Schneiderscheren haben auf einem Blatt eine Microverzahnung. Dies verhindert beim Schneiden das Wegrutschen der Stoffe. Vor allem feine und sehr feine Stoffe lassen sich mit solchen Scheren wunderbar zuschneiden.

Hier findest du meine Empfehlung für eine sehr gute Schneiderschere* mit Microverzahnung, die dir ein Leben lang Freude bereitet.

Als Alternative kannst du auch einen Rollschneider zum Zuschneiden verwenden. Dazu benötigst du eine große Schneideunterlagen*, damit dein Schnittteil als ganzes darauf Platz hat. Wähle einen Rollschneider* mit kleiner Klinge, Durchmesser 28mm. Er ist handlicher als der mit der grossen Klinge.

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Tipp 10:

Lennie-zuschneiden

Lege die einzelnen Schnitteile so aufeinander, wie du sie zusammen nähen musst. So bekommst du garantiert keine Durcheinander.

Gut gekleidet bei sommerlichen Temperaturen – mit Nähanleitung

Gut gekleidet bei sommerlichen Temperaturen – das ist keine Kunst.

Wenn du ein paar Kriterien berücksichtigst, ist das gar nicht so schwer, auch bei sommerlichen Temperaturen gut gekleidet am aktiven Leben teilzunehmen. Ohne peinliche Schweißränder unter den Achseln und im Schritt, ohne von Sonnenbrand geröteter Haut. Klar, es ist auch eine Frage des persönlichen Stils. Die einen möchten lieber viel Haut zeigen, mit Spaghettiträger-Top und Mini-Shorts, die Profis unter euch kleiden sich angemeßen und gekonnt.

 

Ich will dir keine Stilberatung geben, das können die Profis viel besser als ich. Aber ich kann dir etwas über die richtigen Materialien erzählen, und auch etwas über die zweckmäßige Kleiderform.

Materialien

Leinen

Mein absoluter Favorit im Sommer ist Leinen. Ich liebe meine französische Leinenbettwäsche. Sie beschert mir trotz hohen Nachttemperaturen einen erholsamen Schlaf. Flachs wurde bereits vor über 6000 Jahren angebaut, zuerst im Orient, später auch nördlich der Alpen. Die alten Ägypter brachten es zu großer Meisterschaft, die Flachsfaser hauch fein zu spinnen. Die Weber taten ihr übriges und webten luftige Leinenstoffe. Noch heute spricht man in der Bindungslehre von der «Leinwand-Bindung». Leinen gehört zu unserem textilen Kulturgut. Leider geriet viel Wissen in Vergessenheit, die aufwändige Gewinnung der Faser wich dem «weißen Gold» Baumwolle. Sie kam durch die Kolonialisierung nach Europa. Alle wollten diese neue Faser, ein richtiger Hype auf Textilien aus Baumwolle, auf die «Indienne», begann. Und damit fiel der Startschuss für die Industrialisierung mit Spinn- und Webmaschinen in Europa.

 

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Leinenstoffe

Aber zurück zur Leinenfaser. Welches sind die Eigenschaften, die uns mit schöner Leinenkleidung besser durch die heißen Tage bringen?

 

Leinen kann bis zu 30% Feuchtigkeit aufnehmen, ohne dass sich der Stoff klamm anfühlt. Das Gewebe fühlt sich kühl an, hat demzufolge kaum ein Warmhaltevermögen. Für viele von uns Frauen ist das Knittern des Stoffes ein großer Nachteil. Schnell entstehen Sitzfalten und man hat das Gefühl, dass es ungepflegt aussieht. Auch «erholen» sich die Falten kaum, wie z.B. bei Wolle. Verglichen wird dann mit dem Baumwollgewebe, das oft «knitterarm» oder «bügelleicht» ausgerüstet ist. Aber zum Leinen gehört der Knitterlook dazu, das ist der sogenannte Edelknitter. Auch fehlt heute vielfach das Wissen, wie man mit dem Leinengewebe umgeht. Keiner will mehr bügeln, geschweige denn eine aufwändige Wäschepflege betreiben. Dabei ist Leinen kochfest! Ideal für weiße Sommerkleidung.

Halbleinen ist ein Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle. Meistens wird für die Kette Baumwolle verwendet und für den Einschuss das Leinen. Diese Gewebe vereinen alle guten Eigenschaften von beiden Fasern.

Leinenbluse
Leinenwaesche
Leinenkleidmithaube

Leinen erfährt langsam, aber sicher eine Renaissance. Du kannst bereits vorgewaschenes Leinen kaufen. Das erspart dir die Erstbehandlung zuhause.

 

Ich denke, das hat vor allem mit der Nachhaltigkeit der Flachsfaser zu tun. Sie wird in Europa angebaut und auch verarbeitet. Der Flachs benötigt keine zusätzlichen Wasser-Ressourcen, er kann mit Maschinen geerntet werden. Es entstehen nur kurze Transportwege und somit auch wenig CO2. Neben der Faser können die Leinsamen geerntet und zu Öl verarbeitet werden. Die Samen werden als heimisches Superfood angeboten. Kleidungsstücke aus Leinen können kompostiert werden. Die ganze Pflanze wird verwertet.

Bei Swissflax habe ich ein Video gefunden, das die Prozesse von Anbau, Ernte und Verarbeitung kompakt und kurz anschaulich zeigt.

Baumwolle

Ja, die Baumwolle gehört auch zu den idealen Geweben für den Sommer. Kleider daraus sind leicht kühlend, günstig in der Anschaffung und je nach Ausrüstung sogar relativ pflegeleicht. Gewebe aus Baumwolle nimmt nur ca. 10% Feuchtigkeit auf und fühlt sich relativ schnell feucht und klamm an. Wir fangen dann auch schnell an zu frieren. Durch die entsprechende Ausrüstung ist heute die Baumwolle relativ pflegeleicht. Die Textilien können bis 60 °C gewaschen werden, je nach Einfärbung.

Die Baumwolle ist allgegenwärtig. Sie ist Synonym für ein natürliches Gewebe ohne Chemie. Baumwolle ist eine Pflanze, die nachwächst, kein Tier wird gequält, keine fossilen Rohstoffe werden dafür eingesetzt. Vielfach findest du das Zusatzlabel: Standard 100 by Oeko-Tex. Dieses Siegel testet die Textilien, Garne und Zubehörteilen auf 100 verschiedene Schadstoffe in vier verschiedenen Produktklassen. Das heißt noch nicht, dass es «Bio»-Baumwolle ist. Es suggeriert aber auch, dass die Textilien ökologisch hergestellt worden sind. Dies ist leider nicht der Fall, dass die Baumwollpflanze eine immense Menge an Wasser (1 kg Baumwolle / 11 – 20 m3 Wasser) benötigt, oder dass das Pflücken der flauschigen Fasern oft unter menschenunwürdigen Bedingungen stattfindet, wird nicht festgehalten. Für die Ernte werden vereinzelt auch Maschinen eingesetzt, diese liefern jedoch nie die hohe Qualität der Handpflücker.

Für Bio-Textilien wird die Gots-Zertifizierung vergeben. Diese berücksichtigt die nachhaltige Produktion sowie auch die umweltverträgliche und soziale Herstellung.

Vorgesehen habe ich auch hier ein Youtube-Video zum Thema Baumwolle. Die Auswahl ist sehr groß. Die Inhalte erschreckend ehrlich und gut recherchiert. Nimm dir etwas Zeit, schaue dir 2, 3 Videos an. Bilde dir deine eigene Meinung zum weissen Gold.

Modal / Lyocell / Tencel

Modal ist die modifizierte Viskose. Durch neue Herstellungsverfahren und weniger Einsatz von umweltschädlichen Chemikalien ist die Modal-Faser stark auf dem Vormarsch. Sie kann doppelt so viel Feuchtigkeit aufnehmen wie die Baumwolle, ist atmungsaktiv und thermoregulierend. Also ein ideales Gewebe für unsere Sommerkleider. Zudem fühlt sie sich sehr weich und angenehm auf der Haut an.

Modal ist eine sogenannte Regeneratfaser. Ausgangsmaterial ist Cellulose, gewonnen aus einheimischem Buchenholz. Die Spinnfaser wird in einem chemischen Prozess hergestellt. Modal wird in Österreich bei der Firma Lenzing hergestellt. Auch dieser Faser trägt zur Nachhaltigkeit bei, garantiert für kurze Transportwege von Ausgangsmaterial über die Spinnerei und Weberei bis zur Herstellung der Textilien.

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Copyright: Lenzing AG Fotograf: Franz Neumayr

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Copyright: Lenzing AG Fotograf: Markus Renner / Electric Arts

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Copyright: Lenzing AG Fotograf: Richard Ramos

Seide

Oh ja, auch die Seide ist ein wunderbares Material für unsere Sommerkleider. Seide ist der Spinnfaden der Seidenraupe.  Dieser kann bis zu 3.000 m lang sein. Davon wird ein Drittel zu kostbarer Haspelseide verarbeitet. Mit großer Sorgfalt wird auch der restliche Teil des Cocons verwendet. Daraus entsteht die Schappseide und als Kammzug aufbereitet, wird daraus ebenfalls ein Seidenfaden gesponnen. Je nach Gewebeart wird entweder Haspelseide, Schappseide oder auch eine Mischung davon verwendet. Entsprechend ist in dem Fall auch der Preis für die Seidenstoffe.

Einige der wenigen europäischen Schappseiden-Produktion liegt in der Schweiz. Sie produziert die „Swiss Mountain Silk“. Hier kannst du auch einiges über die Seide und die Seidenproduktion in Europa nachlesen.

Warum ist die Seide optimal im Sommer? Sie ist kühlend und kann bis zu 25% Feuchtigkeit aufnehmen. Ja, Seide kann knittern, aber mit feuchter Badezimmerluft regeneriert sie sich ganz schnell. Ebenfalls ist sie temperaturausgleichend. Für Hautallergiker sind Kleider aus Seide wohltuend und auch heilend.

Wolle

Feine Schals aus Wolle sind an kühlen Sommertagen nicht nur wärmend, sondern auch temperaturausgleichend. Seit vielen Jahren gibt es Funktionswäsche, die die guten Eigenschaften der Wolle nutzen. Durch entsprechende Ausrüstungen sind die heutigen Wollfasern filzfrei und können sogar in der Waschmaschine gewaschen werden. Ich habe Eingangs die Beduinen erwähnt, auch sie tragen Kleidung aus reiner Wolle. Sie kühlt bei der großen Tageshitze in der Wüste und wärmt in den sehr kalten Nächten.

Meine neue Hose, genäht nach dem Schnittmuster von Style Arc, besteht aus einem Fasergemisch aus Leinen und Wolle. So sind alle guten Eigenschaften der beiden Fasern vertreten. Möchtest du sie nachnähen, scrolle weiter. Du findest meine Nähanleitung auf Deutsch (mit entsprechenden Korrekturen und Ergänzungen) weiter unten.

Die zweckmäßige Kleiderform 

Hast du auch das Gefühl, je heißer es draußen wird, umso weniger sollte man anziehen? Das denken viele. Aber so ganz der richtige Weg ist es nicht. Wir lassen uns zu sehr von den Modemachern diktieren, was wir anziehen sollen.

Wenn du dich gedanklich in die Wüste begibst und die Beduinen und Tuareg anschaust, siehst du da keinen in kurzen Shorts rumlaufen. Im Gegenteil, sie tragen weite lockere Kleidung, zum Teil sogar aus Wolle. Zwischen Haut und Kleidung entsteht ein Zwischenraum, bei dem die Luft zirkulieren und dadurch die Haut kühlen kann. Bei weiter Kleidung bleiben uns auch die unschönen Schweißflecken erspart. Zusätzlich schützen wir unsere Haut vor den schädlichen UV-Strahlungen.

Nähe dir weite Blusen im Oversize-Stil aus Leinen und Halbleinen, vielleicht sogar eine Wickelbluse aus Bouretteseide? Dazu trage eine bequeme weite Hose, wo nichts einengt. Verzichte auf enge Leggins und Skinny-Jeans. Trage stattdessen weite Kleider. Diese garantieren dir eine angenehm kühlende Luftzirkulation. Hast du bedenken, dass deine Innenschenkel aneinander reiben? Es gibt Gels zum Einreiben, die das Reiben verhindern. Noch praktischer finde ich diese kurzen Strumpfhosen ähnliche einer Radlerhose, die Snagtights.

 

Gut braucht Hut.

Die Wüstenbewohner tragen alle eine zweckmäßige und nützliche Kopfbedeckung. Aus gutem Grund. Das Gehirn kann leicht überhitzen, ein Sonnenstich ist die Folge.

Leiste dir einen hübschen, kleidsamen Sonnenhut. Auf den Märkten findest du oft eine große Auswahl, bestimmt ist da auch das passende dabei.

 

Fraumithut
Frau mit hut
Hut2

Nähbeschrieb für Sommerhose “Teddy Designer Pant”

Ich habe dir die ganze Nähanleitung in eine pdf-Datei gepackt. Hier kannst du sie downloaden.

Beschreibung Schnitt:

Style ARC «Teddy Designer Pant»

  • Weite Hose
  • Formbund mit 2 Knöpfen
  • Bügelfalte mit tiefer Falte
  • Reißverschluss vorne
  • Seitennahttaschen
  • Länge bis oberhalb Knöchel

Hier kannst du das Schnittmuster downloaden: Style Arc

Oder bereits fertig ausgedruckt bestellen: klick*

Die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Links sind sogenannte Partner-Links. Wenn du auf diesen Link klickst und direkt über diesen verlinkten Shop einkaufst, bekomme ich eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts. Ich danke dir für deine Unterstützung.

Teddypant-Zeichnung

Materialbedarf:

  • Stoff: Bei 148 cm Breite, je nach Größe 75 – 2.70 m, gemäß Empfehlung Schnittmuster
  • 2 Knöpfe
  • Reißverschluss 14 cm (im Schnittmuster 13 cm, ist jedoch kein Normmaß in EU)
  • Passendes Nähgarn zum Nähen
  • Bügeleinlage H410 oder G700
  • Kantenband 2 cm breit
  • Nahtband 1cm breit
  • Schrägstreifen ca. 1.5 m (fakultativ)

Schnittmuster ausdrucken:

Ich empfehle dir, drucke das Schnittmuster farbig aus. Die verschiedenen Größen haben alle die gleiche Strichart. Bei Schwaz-Weiß Drucken sind die Überschneidungen der einzelnen Größen nicht mehr auf Anhieb zu erkennen.

Englische Vokabeln zum Schnittmuster:

Allgemein

Place on Fold = Stoffbruch

St (Straight) Grain = Gerader Fadenlauf

Darts = Abnäher

Fold = falten

Cut 1 main = Zuschneiden 1x

Inleg = Bein Innenseite

Knife Pleat = Bügelfalte

Stitch = Stepplinie

Zip = Reißverschluss

 

Schnittteile:

Front Leg = Vorderhose

Back Leg = Hinterhose

BK W/Band = Rückwärtiger Formbund

Right FR W/B = Rechter vorderer Formbund

Left FR W/B = linker vorderer Formbund mit Untertritt

Fly bearer = Untertritt Reißverschluss

Fly Facing = Besatz Reißverschluss

BK hem Facing = Saumbesatz Hinterhose

FR Hem Facing = Saumbesatz Vorderhose

Pocket = Taschenbeutel

 

Abkürzungen:

BK = Rückenteil

FR = Vorderteil

C/BK = Center Back = Mitte Rückenteil

C/FR = Center Front = Mitte Vorderteil

Zuschneiden:

Das Schnittmuster hat eine Nahtzugabe von 1 cm (da können wir profitieren, dass die Australier, trotz Mitglied im Commonwealth, das metrische System verwenden). Eingezeichnet ist auch die Nahtlinie.

Vor dem Zuschneiden den Stoff bügeln. Das Schnittmuster ist ausgemessen und passt.

Ich habe nachstehende Änderungen vorgenommen:

  • Reißverschluss 14 cm anstatt 13 cm wie im SM, da kein Normmaß
  • Untertritt Reißverschluss: die Länge angepasst = + 2 cm (Originalschnitt zu kurz)
  • Besatz Reißverschluss: Länge angepasst = + 2 cm (Originalschnitt zu kurz)
  • Taschenbeutel: erweitert bis zur Ansatzlinie Formbund
  • Formbund: Aussen und Innen mit gleichem Stoff gearbeitet
Teddypant-RV-verlängern
Teddypant-Tasche-Schnitt

Schnittteile zuschneiden:

  • Sämtliche Pics, Schnittmarkierungen übertragen! Achtung, beim Reißverschluss neue Länge.
  • Vorderhose (Front) 2x
  • Hinterhose (Back) 2x
  • Rückwärtiger Formbund (BK W/Band) 2x
  • Linker vorderer Formbund mit Untertritt (Left W/B) 2x
  • Rechter vorderer Formbund (Right FR W/B) 2x
  • Saumbesatz Vorderhose (FR Hem Facing) 2x
  • Saumbesatz Hinterhose (BK hem Facing) 2x
  • Taschenbeutel mit Erweiterung 2x
  • Taschenbeutel original (Pocket) 2x
  • Reißverschluss Besatz verlängert (Fly Facing )1x
  • Reißverschluss Untertritt verlängert (Fly bearer) 1x
Teddypant-zuschneiden

Vorbereiten:

Einlagen auf folgende Teile bügeln, immer gut auskühlen lassen:

  • Rückwärtiger Formbund innen, 1x
  • Linker vorderer Formbund innen, 1x
  • Rechter vorderer Formbund innen, 1x
  • Saumbesätze Vorderhose
  • Saumbesätze Hinterhose
  • Besatz Reißverschluss
  • Untertritt Reißverschluss

Nahtband:

  • Auf den äusseren Formbunde an der oberen Kante das Nahtband aufbügeln. Dies stabilisiert zusätzlich und verhindert das Ausleihern des Bundes (und somit auch, dass dir deine Hose später nicht herunterrutscht…).

Kantenband:

  • An Vorderhose und Hinterhose bei den Tascheneingriffen Kantenband aufbügeln.
Teddypant-Tasche-nahtband

Verarbeiten:

  • An den Vorderhosen die Falten legen und mit Heftfaden abheften. Die Öffnung der Falte schaut zur Seitennaht. Mit feuchtem Tuch und Druck die Bügelfalte eindämpfen. Vollständig auskühlen lassen. Den Heftfaden bis zur Fertigstellung der Hose drin lassen. Oben beim Bund und unten beim Saum die Falten gemäß Schnittmuster absteppen.
  • Bei der Hinterhose die Abnäher nähen. Die Abnäher zur Mitte bügeln.

Nahttaschen:

  • Die Taschenteile rechte auf rechte Stoffseite auf die Hosenteile legen. Feststecken und von Markierung zu Markierung füßchenbreit (0.75 cm) festnähen. Nahtanfang und Ende verriegeln.
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  • Die Seitennähte versäubern, dabei bei den Taschen die Erweiterung und die Nahtzugaben nicht mitfassen.
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  • Die Nahtzugaben in die Taschen bügeln. Bei der Vorderhose die Nahtzugaben mit dem Kantenstepp festnähen. Dabei zur Markierung ca. 1 cm Abstand einhalten.
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  • Die Seitennähte rechte auf rechte Seite aufeinander stecken, die Markierungen der Tascheneingriffe treffen exakt aufeinander. Die Naht oberhalb und unterhalb der Taschen ca. 2 cm schließen. Nahtzugabe 1 cm
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  • Die Taschenbeutel aufeinanderlegen. Zuerst mit Zickzack den vorderen Taschenbeutel auf den hinteren (erweiterten) Taschenbeutel der Stoffkante entlang festnähen. Danach den Taschenbeutel zunähen. Die offenen Kanten zusammen versäubern.
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  • Die Taschengriffe bügeln und die Verriegelung oben und unten beim Eingriff nähen.
  • Nun die Seitennähte komplett schließen.
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Reißverschluss einnähen:

  • Lege alle Teile für die Vorderhose so vor dich hin. Dann siehst du sofort, wo kommt der Untertritt und wo der Besatz hin.
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  • Vorderhose Schrittnaht versäubern. Die Naht bis zum Pic / Markierung (neue Länge) mit einem Dreifach-Geradstich nähen. Dabei auf den letzten 2 cm die Nahtzugabe von 1 cm auf ca. 1.3 cm verbreitern.
  • Den Untertritt an der unteren Kante verstürzen. Die offenen Längskanten zusammen versäubern. Den Reißverschluss an die versäuberte Kane legen und füßchenbreit (0.75 mm) festnähen. (auf meinem Bild ist der Untertritt noch zu kurz.).
  • Besatz an der Kante mit der Rundung versäubern.
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  • Den Besatz rechte auf rechte Seite an die rechte Vorderhose nähen. Nahtzugabe in den Besatz bügeln und mit dem Kantenstepp festnähen.
  • Bei der linken Vorderhose die Nahzugabe 5 mm auf die Rückseite umbügeln. Auf der bereits genähten Schrittnaht ein Stück Zugabe mit umbügeln.
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  • Die umgebügelte Nahtzugabe auf den Reißverschluss mit Untertritt legen. Dabei verdeckst du die erste Naht. Feststecken und knappkantig festnähen.
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  • Den Übertritt auf den Untertritt legen und an der Kante feststecken
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  • Die Vorderhose auf die Rückseite wenden. Den Untertritt zur Seite legen. Nun den Reißverschluss am Besatz feststecken (nur am Besatz!). Achte darauf, dass beim Ende der Schrittnaht keine Falten entstehen (auf der Vorderseite prüfen).
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  • Den Reißverschluss mit 1 – 2 Nähten auf dem Besatz festnähen. Den Untertritt auf der Seite feststecken.
  • Die Vorderhose wieder auf die Vorderseite wenden und den Besatz absteppen. Nimm dazu das Schnittmuster als Schablone für die Rundung zur Schrittnaht. Achte darauf, dass du den Untertritt nicht mit nähst.
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  • Den Untertritt nun lösen und an die richtige Stelle legen. Auf der Vorderseite mit Stecknadeln feststecken. Jetzt die beiden Verriegelungen nähen, dabei den Untertritt mitnähen.
  • Hintere Schrittnaht versäubern und mit einem Dreifach-Geradstich schließen. Naht auseinander bügeln.
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Formbund arbeiten:

  • Die Seitennähte der inneren und äußeren Bundteile schließen. Die Nähte auseinander bügeln. Die untere Kante des inneren Formbundes entweder versäubern oder mit einem Schrägband einfassen.
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  • Die Bundteile rechte auf rechte Seite aufeinanderlegen, feststecken und an drei Seiten schließen. Dabei die versäuberte Kante nach oben legen und mit festnähen.
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  • Den Formbund auf die rechte Seite wenden. Die Nahtzugabe an der oberen Kante auf den Innenteil bügeln und mit dem Kantenstepp festnähen. Den Formbund sorgfältig bügeln.
Teddypant-Formbund3
  • Den Formbund rechte auf rechte Seite auf der Hose feststecken Die Seitennähte müssen übereinstimmen. Mit Nahtzugabe 1 cm festnähen. Nahtanfang und Ende verriegeln.
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  • Die Nahtzugaben in den Bund bügeln. Von Vorne im Nahtschatten den inneren Bundteil festnähen.
  • Auf dem Übertritt die Knopflöcher arbeiten, auf dem Untertritt die Knöpfe
  • Die innere Beinnaht schließen und zusammen versäubern. Die Nahtzugabe in die Hinterhose bügeln.
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Saumbesatz:

  • Die Saumbesätze an den Seitennähten zur Runde schliessen. Die Nähte auseinanderbügeln. Die obere Kante versäubern.
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  • Die Saumbesätze rechte auf rechte Seite an den unteren Hosenstösse feststecken und mit Nahtzugabe 1 cm festnähen. Die Nahtzugaben in den Besatz bügeln und mit dem Kantenstepp festnähen.
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  • Die Besätze nach innen stülpen, die Kante bügeln.
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  • Den Besatz mit Heftgarn fixieren. Anschließend auf der Vorderseite absteppen. Damit du die Distanz zur Saumkante gut beibehalten kannst, hilft dir ein Klebeband auf der Maschine.

Sodele. Deine Hose ist nun fast fertig.

 

  • Die Bügelfalten nochmals mit einem feuchten Tuch dämpfen und gut auskühlen lassen. Erst jetzt die Heftfäden ziehen.
Teddypant-Saum4

Herzliche Gratulation! Du hast jetzt eine neue, tolle Hose genäht. Du kannst stolz auf dich sein!

Ich habe dir die ganze Nähanleitung in eine pdf-Datei gepackt. Hier kannst du sie downloaden.

Leinenkleid für die heissen Sommertage – Nähanleitung

Schnittmuster «Sydney» von Style Arc (Australien)

Nähbeschrieb in Deutsch

Als ich diesen Schnitt letzten November (2019) das erste Mal gesehen habe, war ich etwas erstaunt, mitten im Winter eine Neuvorstellung für ein Sommerkleid zu sehen. Schnell wurde mir klar, Style ARC ist ein Label aus Australien – und die feiern Weihnachten im Sommer. Ich habe mir das Schnittmuster trotzdem gekauft, denn ich hatte bereits zwei meiner Leinenstoffe im Hinterkopf, einen uni in dunkelstahllau und meinen bedruckten auf naturfarbigen Leinen.

Zum Nähen kam ich trotzdem nicht. Da nahte die Weihnachtszeit – wer hat da Lust ein Leinenkleid für die heissen Sommertage zu nähen – ich auf jeden Fall nicht. Kurzfristig musste ich wegen eines Todesfalls in der Familie in die Schweiz reisen und blieb da ganze zwei Wochen. Meine Tante benötigte viel administrative Hilfe, da ihr verstorbener Mann alles immer selbst geregelt hat und ihr nicht viel gezeigt hatte und meine Tante auch nicht gross Interesse gezeigt hatte.

Fast ein neuer Lebensabschnitt

Wieder zurück in Norddeutschland musste ich meinen Umzug planen und vorbereiten, nach meinem Hausverkauf wohnte ich in einem viel zu kleinen Provisorium in dem mir oft die Decke auf den Kopf viel. Also wieder kein Gedanke, ein Leinenkleid zu nähen. Aber immerhin habe ich die Leinenstoffe so gepackt, dass ich sie schnell wiederfinde und die Kiste auch entsprechend angeschrieben: «Leinenstoffe» und als Gedankenstütze noch «Style Arc» hinzu. Nach dem Einpacken ist vor dem Auspacken. Oder war das jetzt umgekehrt? Item, Ich strandete buchstäblich kurz vor Corona in der Oberpfalz. Mein neuer Auftraggeber hat, mangels eigener Kapazitäten (alle wollten nun Masken nähen und kauften Nähmaschinen wie blöd), mich sozusagen auf Eis gelegt. War für mich verständlich und auch nachvollziehbar. So ändern sich ganz schnell die Prioritäten. Ich nutzte die Zeit, mein eigenes Business voranzutreiben, baute meine Webseite ein zweites Mal, mit dem Umstand, dass die ursprünglichen Beiträge im Blog nicht mehr das waren, wie eben ursprünglich. Lernte Online-Marketing im Schnelldurchlauf, erarbeitete meine ersten 10 Lektionen für das Modul #1 (Paspeltaschen & Co und Bundverarbeitung). Und in der Zwischenzeit sind weitere 8 Lektionen für Modul #2 (Kragen, Reverskragen und Ärmelschlitze bei Hemden und Blusen) dazu gekommen.

Nähen ist Glück!

Und jetzt musste ich endlich, endlich für mein Seelenheil etwas für mich nähen. Der Wetterbericht sagte 29 °C voraus und bei diesen Temperaturen sind Leinenkleider einfach das Beste. Man ist gut angezogen und trotzdem bleibt der Körper schön kühl. Ich mag diese Spaghetti-Träger-Mini-Kleidchen nicht. Oft werden diese Minidinger auch von Frauen getragen, die weder die Figur noch das passende Alter dazu haben. Ich bin nicht der Meinung, man soll das tragen was einem gefällt, wo man sich wohl fühlt drin. Das hat mit Mode nichts zu tun. Denn Schönheit liegt immer noch im Auge des Betrachters.

Aber jetzt, wie bereits gesagt, Wetterbericht mit 29 °C und ich holte die Kiste mit den Leinenstoffen aus dem Keller. Witzigerweise fand ich in dieser Kiste auch das Schnittmuster, das ich nach dem Kaufen auf A0 ausdrucken ließ. So konnte ich sofort loslegen. Und ihr nun auch.

Leinen:

Reines Leinen ist eine herrliche Naturfaser! Entweder liebt man sie, oder man ist bitter enttäuscht ob all der Versprechungen. Das liegt oft, an der Unkenntnis, wie das Leinen zuerst behandelt werden muss. Auch gibt es große Qualitätsunterschiede. Bettwäsche aus feinem französischem Leinen ist das Nonplusultra in heißen Sommernächten. Ich liebe meine alten und neuen Küchentücher aus Leinen. Bei mir kommt nichts anderes in die Küche. Aber trotz aller Liebe, man muss die «Erstbehandlung» richtig angehen. Vor allem bei günstiger Meterware ist dieser aller erste Schritt entscheidend, ob aus einer Hassliebe definitiv Liebe wird.

Was ist zu tun: Du nimmst deinen Stoff so wie er noch gefaltet ist vom Kauf und legst ihn entweder in die Badewanne oder in ein grosses Becken. Das Leinen nicht zerknüllen, sondern faltenfrei hinlegen. Dann mit heißem Wasser (so heiß wie möglich, kann auch kochend sein) überdecken. Die Luftblasen sanft rausdrücken, ohne den Stoff viel zubewegen. Das Ganze lässt du so liegen, bis das Wasser abgekühlt ist. Lass dem Leinen Zeit, gut 24 Stunden (nicht nur über Nacht). Jetzt ab in die Waschmaschine, mit dem Waschprogramm waschen, mit dem du auch dein späteres Kleidungsstück waschen wirst, dabei die Schleuderzahl reduzieren. Nach dem Waschen an der Leine aufhängen und bügelfeucht glattbügeln. Nach dieser Prozedur wirst du dein Leinenkleid lieben!

Willst du mehr über diese tolle Naturfaser wissen, kannst du hier vieles darüber lesen.

Beschreibung Schnitt:

Style ARC “Sydney Designer Dress”

  • Ballonrock
  • Angeschnittene Ärmel zum Umkrempeln
  • Nahttaschen in den vorderen Teilungsnähten
  • Festes Saumband
  • Ohne Reißverschluss
  • Saumlinie vorne kürzer als hinten

Hier kannst du das Schnittmuster als PDF downloaden: klick

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Materialbedarf:

  • Stoff: 2x die Länge bei einer Breite von 1.40 m, ansonsten Empfehlung auf dem Schnittmuster
  • Passendes Nähgarn zum Nähen
  • Dickeres Nähgarn (ev. Kontrastfarbe) zum Absteppen
  • Top Stich Nähmaschinennadeln zum Absteppen
  • Bügeleinlage
  • Kantenband zum Aufbügeln

Schnittmuster ausdrucken:

Ich empfehle dir, drucke das Schnittmuster farbig aus. Die verschiedenen Größen haben alle die gleiche Strichart. Und bei Überschneidungen kannst du die richtige Größe nicht mehr auf Anhieb erkennen. So ist es mir passiert mit dem Halsausschnitt, danach passten die Belege dazu nicht mehr. Ich musste sie neu zeichnen. Zuerst dachte ich, das sei ein Fehler beim Schnitt (ich habe schwarz-weiss drucken lassen). Nun habe ich heute Morgen nochmals alles geprüft, einzelne Seiten farbig ausgedruckt und siehe da, der Beleg passt wunderbar! Also der Schnitt ist in Ordnung.

Englische Vokabeln zum Schnitt:

Allgemein

Place on Fold = Stoffbruch

St (Straight) Grain = Gerader Fadenlauf

Side Seam = Seitennaht

Fold = Falten/falte

Shortening / Lengthening Line = Schneidelinie, um den Schnitt zu kürzen/zu verlängern

Attach C/FR Panel = Ansatzlinie von vorderem mittlerem Rockteil

Attach C/BK Panel = Ansatzlinie von mittlerem hinteren Rockteil

Fold under for Hem = Faltlinie für den Saum

Foldline for cuff  = Faltlinie des Ärmelumschlages

Schnittteile:

Front Bodice = Vorderes Oberteil

Back Bodice = Rückwärtiges Oberteil

Front Neck Facing = Beleg vorderer Halsausschnitt

Back Neck Facing = Beleg rückwärtiger Halsausschnitt

Center Front Skirt = Vordere mittlere Rockteil

Side Front Skirt = seitliche vordere Rockteil

Center Back Skirt =  mittleres rückwärtigeRockteil

Side Back Skirt =  seitliche rückwärtigeRockteil

In Seam Pocket = Naht-Tasche

Front Hem Band = Vorderes Saumband

Back Hem Band = Rückwärtiges Saumband

Abkürzungen:

C/BK = Center Back = Mitte Rückenteil

C/FR = Center Front = Mitte Vorderteil

Hier kannst du den Nähbeschrieb in Deutsch als pdf downloaden.

Zuschneiden:

Das Schnittmuster hat eine Nahtzugabe von 1 cm (da können wir profitieren, dass die Australier, trotz Mitglied im Commonwealth, das metrische System verwenden). Eingezeichnet ist auch die Nahtlinie. Beim Zuschneiden überträgst du alle Markierungen  und Schnittmarken. Damit du noch später weisst, welches Schnittteil, welches ist (sie sehen sich doch ähnlich, vor allem die Seitenteile, ebenso was ist oben und wo ist der Saum), lass das Schnittmuster auf den zugeschnittenen Stoffteilen.

Bügle deinen Stoff vor dem Zuschneiden!

  • Vorderes Oberteil (Front Bodice) 1x im Bruch
  • Rückwärtiges Oberteil (Back Bodice) 1x im Bruch
  • Beleg vorderer Halsausschnitt (Front Neck Facing) 1x im Bruch
  • Beleg rückwärtiger Halsausschnitt (Back Neck Facing) 1x im Bruch
  • Vorderes mittleres Rockteil (Center Front Skirt) 1x im Bruch
  • Vordere seitliche Rockteile (Side Front Skirt) 2x
  • Rückwärtiges mittlere Rockteil (Center Back Skirt) 1x im Bruch
  • Rückwärtige seitliche Rockteile (Side Back Skirt) 2x
  • Taschenbeutel (Pocket) 4x
  • Vorderes Saumband (Front Hem Band) 1x
  • Rückwärtiges Saumband (Back Hem Band) 1x
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Vorbereiten:

  • Die Belege für den vorderen und den rückwärtigen Halsausschnitt komplett mit Bügeleinlage belegen.

Folgende Kanten mit Kantenband belegen:

  • Bei den Oberteilen: Schulternähte, Anschlussnaht zum Rockteil, Halsausschnitt
  • Bei den Saumbänder: die Verbindungsnähte (Beim Gehen lastet grosser Zug auf den Nähten)
  • Tascheneingriffe bei den seitlichen vorderen und rückwärtigen Rockteilen
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Auf meinen Bildern ist bei den Ärmeln und beim Saumband ein feines Stanzband zusehen. Leider ist dies in Deutschland nicht erhältlich.

Verarbeiten:

  • Schulternähte bei den Oberteilen schließen, versäubern und die Nahtzugaben ins Rückenteil bügeln. Auf der rechten Stoffseite die Nahtzugabe auf dem Rückenteil schmalkantig feststeppen. Schöne Steppnähte entstehen mit einem dickeren Garn. Dabei eine Topstich-Nadel verwenden, Stichlänge ca. 4.
  • Die Ansatzkanten zu den Rockteilen versäubern, ebenso den Ärmelsaum.
  • Den Ärmelsaum anschließend auf die linke Stoffseite umbügeln.
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  • Beim Beleg Halsausschnitt die Schulternähte schließen. Nähte auseinanderbügeln. Die äusseren Kanten versäubern.
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  • Den Beleg nun rechte auf rechte Seite auf das Halsloch legen, feststecken und mit 1 cm Nahtzugabe ringsum festnähen.
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  • Die Nahtzugabe in den Rundungen einschneiden
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  • Die Nahtzugabe in den Beleg bügeln und mit dem Kantenstepp knappkantig auf dem Beleg festnähen.
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  • Die Nahtzugabe kannst du nun zurückschneiden
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  • Den Beleg auf die Rückseite vom Halsloch legen und sorgfältig die Kanten bügeln. Die Naht sollte sich jetzt automatisch auf die Rückseite legen.
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  • Das Halsloch kannst du nun auf der rechten Seite absteppen (dickeres Nähgarn verwenden und die Nadel wechseln, Stichlänge ca. 4).
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Das Oberteil ist nun soweit fertig. Du kannst es auf die Seite legen. Jetzt geht es an die Nahttaschen:

  • Du legst die Taschen rechte auf rechte Seite auf die Taschen-Markierungen vom vorderen mittleren Rockteil und von den beiden vorderen seitlichen Rockteilen.
  • Du nähst nun von Pic zu Pic füßchenbreit die Taschen fest. Nicht über die Markierung hinaus nähen. Nahtanfang und Ende verriegeln.
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  • Nun die Seitennähte versäubern, dabei den Zipfel oben und unten von den Taschen nicht mitfassen / zur Seite legen.
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  • Die Nahtzugabe in die Tasche bügeln.
  • Die Nahtzugabe beim mittleren vorderen Rockteil mit dem Kantenstepp festnähen. Beginne und ende ca. 1 cm vor den Pics. Die Kante / Tascheneingriff von 1 cm Nahtzugabe auf die Rückseite bügeln.
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  • Auf der rechten Stoffseite den Tascheneingriff absteppen, dazu Nähgarn und Nadeln wechseln, Stichlänge ca. 4. Beginn und Ende ist kurz vor den Pics / Markierungen.
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  • Nun legst du die Ansatznähte rechte auf rechte Seite aufeinander. Die Pics / Markierungen für die Taschen treffen exakt aufeinander. Du nähst vom Pic aus, oben und unten, eine kurze Naht von ca. 2 cm. Nahtanfang und Ende verriegeln. Die Tascheneingriffe bleiben offen.
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  • Die Taschenteile rechte auf rechte Seite aufeinanderlegen und ringsum mit Nahtzugabe 1 cm festnähen. Anschließend versäubern.
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  • Drehe alles auf die Vorderseite und kontrollieren die Nahttasche, ob alles i.O. ist.
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  • Bist du zufrieden mit deinem Ergebnis, kannst du jetzt die Ansatznähte komplett schließen. Die Nahtzugabe ins vordere mittlere Rockteil bügeln. Auf dem vorderen mittleren Rockteil die Nahtzugabe auf der rechten Stoffseite absteppen. Dabei nähst du nur bis zur Stepplinie des Tascheneingriffs. Zur Absteppung auch wieder Nähgarn und Nähnadel auswechseln, Stichlänge ca. 4.
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Et Voilà: das vordere Rockteil ist geschafft! Super hast du das gemacht. Die Tasse Kaffee mit etwas Süßem hast du dir jetzt redlich verdient!

Und weiter geht’s, der Rest ist nur noch ein Klacks.

  • Die rückwärtigen seitlichen Rockteile an das rückwärtige mittlere Rockteil stecken. Dabei die Schnittmarkierungen beachten. Mit 1 cm Nahtzugaben festnähen, Nahtanfang und Ende verriegeln.
  • Die Nahtzugaben zusammen versäubern und ins rückwärtige mittlere Rockteil bügeln.
  • Die Nahtzugaben auf dem rückwärtigen mittleren Rockteil von der rechten Seite aus absteppen. Dabei Nähgarn und Nähnadel auswechseln, Stichlänge ca. 4.

Das rückwärtige Rockteil ist nun auch fertig. Super!

  • Jetzt setzen wir die Oberteile an die Rockteile. Nimm zuerst das vordere Rockteil mit den Nahttaschen und stecke sie rechte auf rechte Seite an das vordere Oberteil. Achte auf die Schnittmarkierungen. Bei beiden Teilen muss sie vordere Mitte übereinstimmen. Nähe die beiden Teile mit 1 cm Nahtzugabe fest.
  • Die Nahtzugaben zusammen versäubern und ins vordere Oberteil bügeln.
  • Die Nahtzugaben auf dem vorderen Oberteil von der rechen Seite aus absteppen. Dabei Nähgarn und Nähnadel auswechseln, Stichlänge ca. 4.

Das gleiche Vorgehen wendest du für die rückwärtigen Teile an.

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  • Nun wendest du das Kleid auf die Rückseite und legst die Seitennähte rechte auf rechte Seite aufeinander. Feststecken, dabei die Schnittmarkierungen beachten.
  • Die Seitennaht in einem Rutsch mit Nahtzugabe 1 cm nähen. Nahtanfang und Ende verriegeln.
  • Die Nahtzugaben zusammen versäubern und ins Rückenteil bügeln.
  • Die zweite Seitennaht gleich arbeiten.
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  • Den Ärmelsaum an der bereits gebügelten Kante auf die Rückseite umlegen und auf der rechten Seite festnähen. Entweder mit einer normalen Naht oder mit dem dickeren Garn als schöne Absteppnaht.
  • Nun nimmst du die beiden Saumbänder und schliesst die Nähte zum Ring.
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  • Längs linke auf linke Seite zur Hälfte bügeln.
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  • Das Saumband gemäss Schnittmarkierungen auf die linke Seite des Rockes feststecken. Mit 1 cm Nahtzugabe festnähen
  • Die Nahtzugaben zusammen versäubern und ins Rockteil bügeln.
  • Von der rechten Seite die Nahtzugaben auf dem Rockteil feststeppen. Dazu Nähgarn und Nähnadel wechseln, Stichlänge ca. 4.
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Herzlichen Glückwunsch! Dein Leinenkleid ist fertig! Du kannst stolz auf dich sein! Der Sommer kann kommen!

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Sydney-Leinenkleid-Kokka

Hier kannst du den Nähbeschrieb in Deutsch als pdf downloaden.

Syndey in Jersey

Ein Beispiel in einem wunderschönen Jersey.

Schnitt: Sydney von Style ARC

Genäht: Doris Hüren

Copyright Foto: Doris Hüren

Hiermit sage ich herzlichen Dank, liebe Doris.