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Mit Wissen nähst du besser.

Teil 2 des ultimativen Nähgarn-Guide

4. Nummerierung / Bezeichnungen

Ich versuche hier etwas Licht, in den Dschungel der Garnnummerierung zu bringen.
Denier, den, Titer, Tex, dtex, Nm, NeB, No sind alles Bezeichnungen für die Feinheiten der Garne. Alle Bemühungen und Empfehlungen einen einheitlichen Standard anzuwenden, sind weitestgehend im Sande verlaufen. Zuerst erzähle ich dir kurz, warum dieses vermeintliche Wirrwarr überhaupt entstanden ist. Die Nummerierung hat ganz viel mit Historie und Tradition zu tun. Mit Beginn der Textilindustrie verwendete jede Spinn- und Zwirnerei, unabhängig ob Baumwolle, Seide oder Leinen versponnen wurde, ihr eigenes Messsystem. Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden in Deutschland 17 verschiedene Längennummerierungssysteme aufgezeichnet.

Mit der zunehmenden Industrialisierung, Marktöffnungen und weltweiten Handel, bemühte man sich, einen einheitlichen Standard einzuführen. Die Nähgarne und deren Preise sollten untereinander vergleichbar werden. Übrig geblieben sind heute in Europa zwei Nummerierungssysteme: die Längennummerierung mit konstanter Masse für Baumwollgarne, Seide, Viscose und Rayon (NeB, Nm), und die Massennummerierung mit konstanter Länge für Kunstfaser wie Polyester (Titer Denier, Tex).

Standards, die in Europa mit dem mehrheitlich metrischen System definiert sind, und für uns Verbraucher mit einem Ticket- oder Etikettiersystem ausgestattet sind, gelten nicht für die ganze Welt. Nähgarne aus Übersee werden oft in Gewichts-Prozente „wt“ ausgezeichnet. Die Umrechnung der Bezeichnungen auf unser Ticketsystem ist oft schwierig, da wesentliche Faktoren von den Garnhersteller nicht erhältlich sind. Aber auf Grund der Empfehlungen bezüglich Nähmaschinennadeln und Nähgut kann man sich das Richtige raussuchen. In Kanada und USA wird oft empfohlen, man soll bei einem Produzenten bleiben, da seien die Angaben zur Stärke immer gleich. Da haben wir es doch etwas leichter, was meinst du?

4.1 Längennummerierung

Durchgesetzt hat sich die Längennummerierung aus der Baumwollindustrie in Indien, damals eine britische Kolonie. Die gebräuchlichsten Maße waren Yards für die Länge und das Pfund für das Gewicht. Damit ein Vergleich möglich war, wurde die Länge (Anzahl Garnstränge zu je 840 Yards) gemessen (Dividend). Teilte man die Anzahl der Stränge durch das definierten Gewicht von 1 Pfund (Divisor) bekam man rechnerisch den Stärkewert des Baumwollgarnes (Quotient). Dies ist die noch heute übliche Längennummerierung der Baumwollgarne mit der Bezeichnung NeB.

Im metrischen System wird die Länge in Meter auf 1g Masse bezogen: Nm. Die Bezeichnung Nm 20 bedeutet 20m Garn mit einem Gewicht von 1g. Das heißt, je höher die Zahl umso feiner das Garn.

Die Bezeichnung sagt nichts über die Fachung (lies im Text beim Material Baumwolle) aus. Früher war diese Angabe wichtig, sagte sie doch aus, ob der Nähfaden was taugte oder nicht. Ergo war ein Zweifachzwirn (Fachungszahl 2) weniger robust als ein Vierfachzwirn (Fachungszahl 4). Mit den modernen Spinnverfahren werden heute Baumwollgarne mit 2 bis 3 Fachungen verzwirnt. Diese Angaben sind mittlerweile in den Hintergrund geraten.

Ende des 19. Jh. wurde die Viscose entwickelt. Diese Garne, Kunstseiden waren ein exzellenter Ersatz für die Baumwollstickgarne. Mangels Alternativen hat man die Längennummerierung der Baumwolle auch für die Viscosegarne übernommen. Dies ist bis heute so geblieben. Die angebotenen Maschinenstickgarne und zum Teil die passenden Unterfaden werden, unabhängig vom Material nach der alten Längennummerierung etikettiert.

Für eine metrische Umrechnung benötigt man den Faktor 1.7 (gerundet). Mit dieser Umrechnung sind die Baumwollgarne mit den Polyesternähgarnen vergleichbar.

Die Baumwolle-Nähgarne werden zeitgemäß mit einer Etiketten-Nummerierung (Ticket) versehen: No.

4.2 Gewichtsnummerierung

Mit der Ära der Synthetikfasern (Mitte 20. Jh.) wurde die Gewichtsnummerierung eingeführt. Das heißt, das bestimmte Gewicht des Garnes (Dividend) wird zu einer konstanten Länge (Divisor) ins Verhältnis gesetzt. Das SI-Einheitssystem hat die Maßeinheit Tex eingeführt. 20 Tex heißt, dass ein einfacher Faden von 1’000m Länge ein Gewicht von 20 g hat. Bei dieser Angabe fehlt weiterhin die Anzahl der Fachungen. Diese mit einem Schrägstrich oder einem Multiplikationszeichen ergänzt. Du siehst nun, dass Nm 20 nicht gleich 20 Tex sind. Ist auch logisch, da die Nummerierungssysteme jeweils eine andere Basis haben. Aber zum Glück lassen uns die Garnhersteller nicht hängen. Wie bei den Baumwollnähgarnen wird auch bei den Polyesternähgarnen eine Etikettennummerierung (Ticket) von den Herstellern bevorzugt. Diese Nummerierung No. erleichtert uns das Nähleben. Wir haben die Möglichkeit, bei verschiedenen Garnherstellern vergleichbare Produkte auszuwählen. Eine Ausnahme bei der Nummerierung von Polyestergarnen sind die Maschinenstickgarne und zum Teil auch die passenden Unterfadengarne (Bobbins). Wie bereits erwähnt, werden diese Fasern nach der traditionellen Längennummerierung etikettiert.

Die Polyester-Nähgarne werden zeitgemäß mit einer Etiketten-Nummerierung (Ticket) versehen: No.

Ich habe für dich zwei Tabellen erstellt, mit den gängigsten Garnhersteller, von denen ich entsprechende Informationen erhalten habe.

Tabelle Polyester-Nähgarne als PDF hier zum Downloaden:

Tabelle Baumwoll-Nähgarne als PDF hier zum Downloaden:

Tab-Polyestergarne

5. Anwendung der Nähgarne – welches ist das richtige?

Viele Fragen drehen sich um das optimale Nähgarn für meine Nähmaschine. Einige Maschinen reagieren zickig auf Noname-Garne vom Discounter, andere nähen einwandfrei mit allem, was durch die Fadenspannung passt. Es gibt kein richtig oder falsch. Entscheidend ist, was will deine Nähmaschine, welche Qualität willst du? Bist du zufrieden mit den günstigen Fasergarnen oder setzt du auf Langlebigkeit und gute Qualität mit den Corespun-Garnen?

Fragen kommen immer wieder wie: Kann ich das Overlockgarn ebenfalls für die Nähmaschine verwenden? Die Unterschiede zum normalen Nähgarn ist die Stärke No. und die Qualität. In meiner Tabelle findest du Fasergarn und Corespun-Garn für die Overlockmaschinen. Du weißt jetzt, dass das Corespun-Garn von besserer Qualität ist und reißfester als das günstigere Fasergarn. Unter diesem Aspekt würde ich sagen ja, du kannst das Corespun Overlockgarn Stärke No. 120 mit der normalen Nähmaschine vernähen. Bei Fasergarnen kommt bei mir eindeutig ein nein. Denn bei der Overlock nähst du mit mindestens drei Fäden eine Naht, mit der Nähmaschine hast du nur Ober- und Unterfaden.
Diese Frage sehe ich oft: Kann ich die Stickgarne auch zum normalen Nähen verwenden? Hier kommt von mir ein ganz klares nein! Stickgarne haben andere Qualitätsanforderungen, sie müssen schön sein, sie müssen glänzen, sie müssen hohe Stickgeschwindigkeiten aushalten. Der passende Unterfaden zum Stickgarn hat eine Stärke von No. 150. Stickgarne sind Multifilamente, die von der Struktur her für eine haltbare Naht weniger geeignet sind. Das Nahtbild überzeugt nicht.
Bei der Verwendung von günstigen Overlock Garnen und von Maschinenstickgarnen reißt eine stark beanspruchten Naht, innerhalb kürzester Zeit. Und eine gerissene Naht nachnähen, ist nie eine schöne Arbeit. Für Nähprojekte aus feinen Baumwolle- und Viscosestoffe sind die Corespun-Oberlockgarne ideal, sie passen optimal zum Nähgut. Für festere Stoffe und Jeans empfehle ich dir das normale Nähgarn No. 100. Die Investition in einen hochwertigen Faden lohnt sich allemal. Letzten Endes ist es deine wertvolle Zeit, die du an der Nähmaschine verbringst, und da arbeitest du doch gerne mit Materialien von einwandfreier Qualität.

6. Garnhersteller

Ich will es nicht unterlassen, zu den erwähnten Garnhersteller kurz über ihre Geschichte zu schreiben. Oft sind dies altehrwürdige Traditionsunternehmen mit deutschen Wurzeln, die durch Fusionen und Annexionen an Größe gewonnen haben und ihren Fortbestand gewährleisten konnten. Aber es gibt auch junge, innovative Unternehmen, die den Schritt in die Welt der Nähgarne gewagt haben. Für alle Garnproduzenten ist der größte Markt die Industrie. Hier fließen aktuelle Entwicklungen und Innovationen in neue Spinnverfahren und Technologien ein, je nach Kundenanforderungen und Marktchancen. Forschungen und Entwicklungen gehen heute vor allem in Richtung Samt Yarns. Für uns Hobbyanwender sind die hochspezialisierten Industriegarne kaum erhältlich. Für uns sind die gängigsten Produkte in kleineren Aufmachungen (Spulen) erhältlich. Nischenprodukte und haben entsprechend ihren höheren Preis.

In Übersee haben sich seit den 90er Jahren einige junge Garnhersteller etabliert, die den Patchwork- und Quiltboom zu ihrem Vorteil nutzten. Zum Teil sind diese Baumwollgarne in Deutschland erhältlich. Es sind es absolute Nischenprodukte und werden hier nur erwähnt.

6.1 Alterfil

Der Garnhersteller Alterfil GmbH ist einer der jüngsten Anbieter in Deutschland von erstklassigen Nähgarnen. 1994 wurde die ehemalige VEB Zwirnerei und Nähfadenfabrik Oederan (später durch die Treuhand privatisiert) vom Hauptaktionär der ehemaligen Zwirnerei Ackermann-Göggingen AG übernommen. Sein Ziel war es, neue und innovative Nähgarne herzustellen. Die ersten Jahre waren hart, die Konkurrenz groß. 2006 wurde die Firma in einem Management-Buy-out von zwei Mitarbeiter übernommen, beide waren bereits bei der Ackermann-Göggingen AG mit im Boot. Nach dem frühen Tod von Thomas Seitz führt nun Gosbert Amrhein als Geschäftsführer die Alterfil Nähfadenfabrik GmbH erfolgreich in die Zukunft. Das Herzstück ist das Corespun Nähgarn Alterfil S mit spezieller Ausrüstung, die beim Bügeln aktiviert wird. Die Nähte sind kräuselfrei, sie werden in sich selbst gesichert. Bei den Klöpplerinnen sind die Alterfil-Garne ebenfalls sehr beliebt. Die Nähgarne werden ausschließlich in Deutschland hergestellt.
Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®, S96-0017, Produktklasse I

Hier kannst du die Alterfil-Nähgarne kaufen.

6.2 Amann Group

Heute ist die Amann Group weltweit einer der drei größten Garnhersteller für Näh- und vor allem für Stickgarne. Sie ist noch heute ein Familienunternehmen. Die Mehrheit der Anteile ist im Besitz der Familienstiftung. Dies gewährleistet unter anderem den Fortbestand der Amann Group. Gegründet wurde das Unternehmen 1854 als Amann & Böhringer. In den nächsten Jahren machten sich die beiden Gründer einen Namen in der Seidenzwirnerei und hatten mit der Schwarzfärberei einen großen Erfolg zu verbuchen. Mit dem aufkommenden Protektionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten viele Textilbetriebe zu kämpfen. Nicht wenige gaben zu jener Zeit auf. Amann und Böhringer nutzten diese Chance und kauften 1880 den größten Konkurrenten. Mit dem Einsatz von neuen Ringspinnmaschinen wurde die Kapazität erheblich gesteigert. 1882 verlies Böhringer das Unternehmen. Seither ist die Amann & Söhne ein Familienunternehmen. Um 1900 wurde die erste Kunstseidenfabrik (Viskose) gegründet mit Erweiterungen an mehreren Standorten. Bis 1923 hielt Amann an der Seide und an der Viscose fest. Erst danach wurde Baumwolle verarbeitet. Während der Kriegsjahren stand die Firma lange still. Der Wiederaufbau erfolgte in großen Schritten, neue Techniken und Innovationen hielten in den Fabrikhallen Einzug. 1955 wurden die ersten Synthetik-Garne auf Erdölbasis verarbeitet und auf den Markt gebracht. Ein weiterer Konkurrent, die Adolf Müller AG wurde Ende der fünfziger Jahre aufgekauft. Hinzu kam 1971 der Schweizer Näh- und Stickgarnhersteller Mettler & Co AG (Arova Mettler AG) als Tochtergesellschaft. Den guten Namen der Schweizer wird heute für den Costumer-Bereich genutzt und deckt diesen mit den Produkten der Amann Group ab.
Amman & Söhne wuchs stetig und erweiterte kontinuierlich das Portfolio. In den neunziger Jahren wurde die Konkurrentin, die Zwirnerei Ackermann-Göggingen AG und dessen Färberei übernommen, jedoch ohne Markenrechte für die Nähgarne. 2008 erfolgten weitere Übernahmen wie den englischen Garnhersteller Oxley Threads. Mit dieser Akquisition erhielt die Amann Group Zugang in die Automobilindustrie.
In hauseigenen Forschungslaboren wird für die Zukunft geforscht. Zur Vernähung von intelligenten Textilien hat
Die Firmengruppe besitzt in 21 Länder Betriebsstätten und Tochtergesellschaften. Die Garne werden im In- und Ausland produziert und vertrieben.
Das Thema Nachhaltigkeit in der Textilindustrie ist für die Amann Group sehr wichtig. Seit Anfang 2019 ist die Firmengruppe der „Global Compact“ der Vereinten Nationen beigetreten. 2020 haben die Vereinten Nationen (UN) 50 weltweit führende Unternehmen für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ernannt – die AMANN Group wird im Namen der Textilindustrie vorgestellt.

Zertifizierung der Garne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®, 93.0.4233, Produktklasse I.

6.3 Aurifil

Aurifil gehört ebenfalls zu den jüngeren Garnhersteller. Das Gründungsdatum war 1983. Aurifil ist Teil der italienischen Gruppe Studio Aurigo. Studio Aurigo wurde 1957 von Angelo Gregotti gegründet mit dem Zweck, Stickdateien für Stickmaschinen zu entwerfen, herzustellen und zu verkaufen. In den siebziger Jahren begann die Zusammenarbeit mit dem japanischen Stickmaschinen Hersteller Tajima. Es folgte der Vertrieb der passenden Software für die Steuerung der Maschinen. Um das Angebot zum professionellen Sticken abzurunden, wurde der Garnhersteller Aurifil gegründet. Hauptaugenmerk wurde dabei auf natürliche Garne gelegt. Heute ist Aurifil mit seinen hochwertigen Baumwollnäh- und Stickgarnen weltweit bekannt, nicht nur in der Industrie, sondern auch bei den Patchworkerinnen und bei den Maschinenquilterinnen. Aurifil wird in Italien hergestellt. Die Farbenvielfalt ist enorm, je nach Ausführung stehen bis zu 270 leuchtende Farben zur Verfügung. Erhältlich ist das hochwertige Baumwollgarn in ausgesuchten Shops.
Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by ÖKO-TEX®, 065292.O, Produktklasse I.

Hier kannst du das Aurifil-Garn* kaufen

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6.4 Coats

Die Coats Gruppe gehört ebenfalls wie die Amann Group zu den ganz Großen in der Garnherstellung. Der Fokus liegt bei Kunden in der Industrie und in den USA. Coats wurde 1802 in England als Weberei gegründet. 1826 kam eine eigene Baumwollspinnerei dazu, um das eigene Garn für die Weberei zu produzieren. Das machte sie in den kommenden Jahrzehnten zu einem Businessplayer und hat sich 1890 an der Londoner Börse (Stock Exchange) listen lassen. Der größte Konkurrent von Coats im eigenen Land war die Clark Thread Co (gegründet 1755), die Fusion fand erst 1952 statt. In den kommenden Jahren erfolgten weitere Übernahmen, unter anderem auch die deutsche Mez AG. Sie blieb bis 2015 in der Coats Gruppe und wurde anschließend der Aurelius Gruppe verkauft (2020 Weiterverkauf an einen Schweizer Unternehmer).

2004 wurde die Coats von der GPG (Guinness Peat Group, Investmentunternehmen) aufgekauft und an der Börse dekotiert. Gut 10 Jahre später gab es eine große Strukturbereinigung, man besann sich wieder auf das Kerngeschäft, der Nähgarnherstellung. 2015 verkaufte die GPG sämtliche Beteiligungen und übernahm den Namen der Tochtergesellschaft Coats. Die Coats Group wurde gegründet und anschließend wieder an der Londoner Börse gelistet.

Die Coats unterhielt jahrelang Preisabsprachen unter anderem mit Prym und YKK. 2007 wurde sie vom Europäischen Gerichtshof wegen Kartellabsprachen zu einer Geldbuße von 110 Mio EUR verdonnert. Das Urteil wurde 2012 bestätigt.
Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®,

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6.5 Gütermann

Gütermann war einst die weltgrößte Nähseidenfabrik. Aber alles von Anfang an. Gegründet wurde das Unternehmen 1864 von Max Gütermann. Die Jahre zuvor arbeitete er als Angestellter in Wien in einem der größten Seidenhandelshäuser der damaligen Zeit. Die Geschäfte liefen von Anfang an sehr gut, es wurde schon bald nach einem neuen geeigneten Standort gesucht. 1867 viel der Startschuss in Gutach mit 30 Mitarbeiter für die Nähseidenfabrik Gütermann & Co. An der Weltausstellung 1873 wurde die neue Verkaufseinheit vorgestellt. Verkauft wird nach Länge und nicht mehr nach Gewicht. In den Garnfärbereien wurde mit Blei gearbeitet, was sich auf das Gewicht des Nähfadens auswirkte. Zudem wurde neu die Länge im metrischen System angegeben. Erst viele Jahre später hielt diese Verkaufseinheit im Tex-System Einzug (1969). Weitere Innovationen der Firma Gütermann war die Erfindung der Kreuzwicklung auf Papphülsen und der Verkaufsschrank für die Nähgarne (diese Art mit dem Federsystem kennen wir heute noch). Wie viele andere Garnhersteller auch, setzte Gütermann in den fünfziger Jahren auf Polyestergarne um. 1961 kam die erst Ausgabe der Zeitschrift „die Naht“ mit Verarbeitungstipps auf den Markt. Neben all diesen Errungenschaften und Innovationen, darf nicht vergessen werden, dass ein Gründernachfahre sich der NSDAP anschloss, um damit das Überleben der Garnfabrik zu sichern (Lieferung der Nähgarne für die Uniformen). Später kam der Ausschluss, da Gütermann in Teilen der Ursprungsfamilie jüdische Wurzeln hatten, blieben jedoch bis Kriegsende unbehelligt.

Gewachsen ist Gütermann auch durch Aufkaufen der Konkurrenz oder für die Erweiterung des Sortimentes. Große Zukäufe waren 1999 der weltgrößte Großhandel für Bastel- und Dekobedarf KnorrPrandell und 2001 die alt eingesessene Schweizer Seiden- und Baumwollzwirnerei Zwicky & Co. Mit dieser Erweiterung sicherte sich Gütermann den besseren Zugang zur Automobilindustrie.

1995 war Gütermann der Garnlieferant für die Verhüllung des Reichstages von Christo. 2008 brachte Gütermann Garne mit der Micro-Core-Technology MCT auf den Markt. Mit dieser Technologie bekam der Umspinnzwirn eine neue Dimension. Anstatt herkömmliche Polyesterfaser für die Ummantelung benutzt Gütermann Microfilamente aus Polyester. Mit Beginn der Finanzkrise verlor das Familienunternehmen viel an Substanz. Zahlreiche Immobilien in Gutach mussten verkauft werden, ein massiver Stellenabbau folgte. Neue Wege wurde 2013 mit der gefälligen Stoffkollektion ring a roses beschritten.

2014 feierte das Gütermann Unternehmen das 150-Jahr Jubiläum und gab den der Verkauf des Familienunternehmens an die US-amerikanische American & Efird LLC (A&E) bekannt. Seit diesem Zusammenschluss trägt Gütermann das A&E vor dem Namen. A&E ist weltweit der zweitgrößte Näh- und Industriegarnhersteller. Seit 2018 ist A&E im Besitz des kalifornischen Investmentfonds Platinum Equity (Elevates Textiles).

Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®,

Hier bekommst du das Gütermann-Nähgarn*

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6.6 Madeira

Der Stickgarn-Hersteller bekam seinen Namen erst 1975 in Anlehnung an die Inselgruppe Madeira, die für ihre hochwertigen Stickarbeiten bekannt war. Gegründet wurde das Familienunternehmen 1919 von Burkhardt & Schmidt als Garnfabrik in Freiburg. Sie stellte zuerst Nähfaden aus Baumwolle her, wechselte nach dem Krieg zur Herstellung von hochwertigen Stickgarnen für die Maschinenstickerei. In den 60er Jahren setzte man auf Viscose. Mit dieser Regeneratfaser wurde von Anfang an ein brillantes Maschinenstickgarn entwickelt, welches schnell große Erfolge auf dem industriellen Markt erzielte. Madeira färbt alle 450 Farben selber in eigenen Färbereien. Für die Einführung von Neon-Farben setzt das Unternehmen auf Polyester. Diese Stickgarne werden vor allem bei Sicherheitskleidung eingesetzt. Mit innovativen Zwirnkonstruktionen erarbeitet sich Madeira Alleinstellungsmerkmale für einzigartige Effektgarne. Hier liegt auch die Kernkompetenz von Madeira. Innovationen von Madeira gehen heute in Richtung Smart Yarns, intelligente Nähgarne für intelligente Textilien. 2017 hat die Unternehmung ihr leitfähiges, voll versilbertes HC (High Conductive) Garn aus Polyamid auf den Markt gebracht.
Als Sortimentserweiterung bietet die Unternehmensgruppe Näh- und Overlockgarne, Handstickgarne und allerlei Vliese und Zubehör zum Maschinensticken an. Weltweit besitzt die Familiengruppe, geführt von den Zwillingsbrüder Schmidt, mehrere Tochtergesellschaften mit über 400 Mitarbeiter. Die Hauptproduktion liegt nach wie vor in Deutschland.

Zertifizierung der Nähgarne: STANDARD 100 by OEKO-TEX®, 07.0.55729 Produktklasse I.

Zertifizierung der Stickgarne: STANDARD 100 by ÖKO-TEX®, 95.0.4919 Produktklasse I und STANDARD 100 by ÖKO-TEX®, 95.0.4921 Produktklasse II.

Hier kannst du das Madeira Nähgarn* bestellen.

6.7 Mettler

Der schweizerische Näh- und Stickgarnhersteller Mettler & Co AG (Arova Mettler AG) war seit 1971 eine Tochtergesellschaft der Amann & Söhne (Amann Group). 2018 wurde sie liquidiert. Der Name Mettler impliziert noch heute hochwertige Nähgarne und wird von der Amann Group für den Vertrieb im Einzelhandel verwendet. Die Garne entsprechen alle den hohen Qualitätsanforderungen der Amann Group. Zertifizierung der Garne:

STANDARD 100 by OEKO-TEX®, 93.0.4233, Produktklasse I.

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6.8 Ackermann Garne (nicht in der Liste)

Seit einigen Jahren tauchen auf dem deutschen Markt die Nähgarne von Ackermann auf. Hier ist zu beachten, das sind keine Garne der ehemaligen Zwirnerei Ackermann-Göggingen AG. Diese Unternehmung wurde 1993/94 von der Amann & Söhne (Amann Group) aufgekauft. Die Rechte am Namen Ackermann für Nähgarne wurden separat veräußert. Ich habe den Markeninhaber kontaktiert und um einige Details zu den Nähgarnen erfragt. Leider habe ich bis heute keine Reaktion erhalten. Das Ackermann-Garn wird für den Auftraggeber (Inhaber Markenrechte) hergestellt. Das Nähgarn ist unter anderem auch bei Discountern als Fadenset erhältlich. Ich habe keine Informationen zum Thema STANDARD 100 by OEKO-TEX® gefunden. Es kann gut möglich sein, dass dieses Garn keine Zertifizierung hat und somit für Babykleidung unter Umständen problematisch sein kann.

In meiner Tabelle habe ich bewusst auf den Eintrag verzichtet, da es kein „Markengarn“ im üblichen Sinn ist und ich keine weiteren Details vom Vertreiber erhalten habe.

Das war jetzt nochmals eine Menge an Informationen und Wissen. Im dritten Teil des ultimativen Nähgarn-Guide geht es um die Geschichte der Textilindustrie. Und die ist nicht ganz ohne. Der damalige Sklavenhandel hinterlässt noch heute seine Spuren. Aber spannend ist es allemal.

Quellenangaben zu “Alles über Nähgarne Teile 1 – 3”:

Fotos:
– Induux
– Von Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75761185
– Lotti Pfyl
– Shutterstock
– Digitale Sammlung Hinrich Heine Universität Düsseldorf

Text:
– Wikipedia
– Sajou
– Gütermann
– Fachwissen Bekleidung, Europa Lehrmittel, ISBN 978-3-8085-6210-9
– Studio Auriga.it
– Amann Group
– Coats Group
– eur-lex.europa.eu
– aureliusinvest.com
– buergerleben.com
– Manager Magazin
– Madeira.com
– Badische Zeitung
– Textilwirtschaft.de
– deutsches Patent- und Markenamt
– Shutterstock
– zefix.ch
– „King Cotton“ 2. Aufl. Sven Beckert, ISBN 978-3-406-65921-8
– Bonjour Geschichte
– Stitch&Print international
– Soie Pirate, Geschichte der Firma Abraham, Band 1, schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85881-310-7
– Indiennes, Stoff für tausend Geschichten; schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85616-892-6
– Silk, Mary Schoeser: ISBN 978-0-300-11741-7
– Neue Zürcher Zeitung
– Intelligente Verbindungen, Band 1; Netzwerk Mode Textil eV