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Teil 3 des ultimativen Nähgarn – Guide

7. Kleine Geschichte zur Textilindustrie

Hast du gewusst, dass die deutsche Textilindustrie einst (um 1900) die größte auf dem Kontinent war, sogar die drittgrößte weltweit? Ende des 19. Jahrhundert haben die Textilunternehmer 45 % mehr Warenwerte exportiert als die von Männern dominierenden Eisen- und Stahlindustrie, 36 % mehr als die Kohleindustrie und waren somit die wichtigsten deutschen Exporteure. Und dies trotz des Nachteils, dass die Rohstoffe (Baumwolle und Seide) nicht in Europa vorhanden waren. Und trotzdem war all dies nur durch die Baumwolle möglich.

7.1 Vasco da Gama

Das Herz der Baumwolle schlägt schon mehrere tausend Jahre fast gleichzeitig in Asien, Afrika und Lateinamerika in einem Band zwischen den Breitengraden 35. Süd und 37. Nord. In Indien erreichte die Nutzung und Verarbeitung der Baumwollfaser schon früh höchste Qualität und enormes Ansehen. Dieses Wissen und die edlen Garne und Webwaren brachten Händler in den Mittelmeerraum und ebenfalls nach China. In Europa entstanden erste kleinere Zentren in Italien und Südspanien, ohne nennenswerten Einfluss auf weitere Ereignisse. Der Startschuss fiel mit den Entdeckungen der Seewege von Christoph Kolumbus (1492 nach Amerika) und Vasco da Gama (1497 nach Indien) und somit der Beginn der Neuzeit. Für die Europäer war der direkte Zugang zu den exotischen Gewürzen, aber auch zu Webwaren aus Baumwolle und Seide offen. Erste Handelsabkommen wurden unterzeichnet. Der Direktimport war weitaus lukrativer als die auf dem Landweg durch viele Zwischenhändler verteuerten Waren. Die drei großen Seemächte Portugal, die Niederlande und England lieferten sich immer wieder Kriege um die Monopolstellung im Asiengeschäft. England wurde in Europa die dominierende Macht in Indien, durch die neu geschaffene Britsh East India Company ende 1600 (Handel, Kapital) und des imperialen Herrschaftsanspruches (Krieg, Territorialerweiterung) an Land und Leuten.

East India Companie

7.2 Erste industrielle Revolution

Ab ca 1770 diktierte die Company den Anbau der Baumwolle, die Textilproduktion und deren Handel in einem bis dahin nie dagewesenen Ausmaß. Logischerweise lag das Schwergewicht auf dem Export nach Europa. Beliebt und begehrt waren diese indischen Baumwollstoffe. Es entstanden neue Märkte und neue Moden. Die hübsch bedruckten Chintze aus Indien, die Indienne, wurden zum Statussymbol für die reiche Oberschicht. Der Anreiz für die Europäer, die Baumwolle selber verarbeiten zu können, wuchs von Jahr zu Jahr. Entsprechend groß war die Nachfrage und die Gier nach dem fulminanten Gewinn. Mit der ersten industriellen Revolution begann zuerst in England eine neue Zeitrechnung. Es entstanden die ersten mit Dampf und Wasserkraft betriebenen Web- und Spinnmaschinen. In dieser bewegenden Zeit wurde 1802 die Firma Coats gegründet. In der Schweiz wurde 1801 die erste mechanische Spinnerei von der Aktiengesellschaft Hard bei Wülflingen gegründet. In den nächsten 30 Jahren erfolgte ein immenser Gründerboom. Von den 249 meist kleinere Spinnereien überlebten nur knapp 13% die nächsten 20 Jahre. Eine davon ist die noch heute weltweit agierende Firma Rieter aus Winterthur, Spezialist für Kurz-Stapelfaserspinnsystemen. Begünstigt wurde dieser Boom vor allem durch die Kontinentalsperre von Napoleon gegen England zwischen 1801 – 1807.

Baumwoll-Spinnerei Rieter; Foto: Winterthurer Bibliotheken,

Baumwoll-Spinnerei Rieter; Foto: Winterthurer Bibliotheken

7.3 Atlantischer Dreieckshandel

Der Bedarf an Rohbaumwolle wuchs von Jahr zu Jahr. Neue Baumwoll-Plantagen in Amerika wurden angelegt, die enorme Arbeitskräfte benötigte. Das war der Beginn des Sklavenhandels. Die Europäer tauschten in Afrika billige Handelswaren gegen Sklaven. Diese wurden in die Karibik und in die Südstaaten Amerikas weiter verkauft. Im Gegenzug erhielt der Kontinent die Rohstoffe wie Baumwolle, Zucker, Rum zur Weiterverarbeitung. Diese Handelsbeziehungen wurden gehegt und gepflegt, während fast drei Jahrhunderten. Bekannt auch unter dem Namen atlantischer Dreieckshandel. In die Karibik und in die Südstaaten wurden Millionen von Sklaven aus Afrika zur Ernte von Baumwolle und Zuckerrohr verschleppt. Die Nachfrage nach den feinen Geweben und das Bevölkerungswachstum war so stark, dass die Handweber ihre Aufträge nicht mehr vollständig ausführen konnten. Neue Erfindungen brachten mit den mechanischen Webstühlen, mechanische Spinn- und Haspelmaschinen, mit Menschen- und Ochsenkraft angetrieben die nötigen Erleichterungen. Dies ist der Beginn der industriellen Revolution. Die Maschinen wurden immer leistungsfähiger, die Antriebe erfolgten später mit Dampf und mit Wasserkraft. Neue und größere Fabriken wurden gebaut, oft an Flussläufen, um die Wasserkraft nutzen zu können.

atlantischer Dreieckshandel

Bild: www.diercke.westermann.de

Websaal

Wikimedia Commons, Websaal der Baumwollspinnerei Kuchen 1862.  Koloriertes Foto nach einem verschollenen Aquarell von Caspar Obach. Der Websaal wurde „Europasaal“ genannt, da er mit 443 mechanischen Webstühlen der größte Websaal in Europa war.

7.4 Kinderarbeit

In Europa wie in Amerika auch, florierte die Kinderarbeit an den Web- und Spinnmaschinen. Zahlen zeigen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts fast 40 % der Arbeiter Kinder zwischen 8 und 14 Jahren waren. Sie mussten für das Familieneinkommen mitarbeiten, da der Lohn der Eltern in den Fabriken zum Lebensunterhalt nicht ausreichte. Die englischen Unternehmer und der Staat schützten diese neuen Errungenschaften und Innovationen, indem hohe Einfuhrzölle auf Importware erhoben wurde und ein Exportverbot für Web- und Spinnmaschinen durchgesetzt wurde. In den eigenen Kolonien bestand ein Handelsverbot mit den übrigen europäischen Ländern.

 

Mädchen an Spinnmaschinen; Foto: Lewis Hine via Europeana

Hier eine kurze Einfügung. Genau diese Verbote führten in der Neuen Welt zu einem großen Mangel an bezahlbaren Textilien. Jedes Stück Stoff wurde sorgsam gehütet und mehrmals wiederverwendet. So erinnerten sich die damaligen Siedlerfrauen an Patchworkdecken aus ihrer alten Heimat. Was damals eine Notwendigkeit war, ist heute zu einem erfüllenden Hobby und sogar zur Kunst (Quilt Art) geworden.

Ab ca 1830 setzte im deutschsprachigen Raum die zweite industrielle Revolution ein. Es wurden Eisenbahnen gebaut, welche die Transporte der Arbeiter zu den Fabrikstandorten erleichterte. Große Innovationen erlebten auch die Web- und Spinnmaschinen. Der Bedarf an Tuchen und Textilien wuchs mit dem Bevölkerungswachstum kontinuierlich. Die Gesellschaft veränderte sich von der Agrar- zur Industriegesellschaft.

Die Firma Zwicky & Co wurde bereits 1840 in Wallisellen (Schweiz) als Seidenzwirnerei Neugut gegründet. Sie blieb bis 2001 zur Übernahme des operativen Geschäftes durch Gütermann in Familienbesitz.

7.5 Bekannte Nähgarnhersteller

1854 wurde die Firma Amann & Böhringer (Amann Group) als Seidenzwirnerei und Seidenfärberei gegründet. 3 Jahre später arbeiteten bereits über 100 Menschen für die Zwirn- und Färberei. Durch Annexion der Konkurrenz wuchs das Unternehmen schnell und hatte als Seidenspinnerei einen guten Ruf.

In Augsburg-Göggingen wurde 1863 die Zwirnerei und Nähfadenfabrik Göggingen firmiert und angesiedelt. Erste Betriebsaufnahme war 1855 im Lechviertel. Von Anbeginn wurde Rohbaumwolle verarbeitet.

Die Firma Gütermann, Gründungsjahr 1864 hat ebenso wie die Firma Amann, zuerst auf Seide gesetzt und bis 1945 daran festgehalten. Ab da hielten die neuen Polyesterfasern Einzug und lösten die Seidengarne ab.

1868 war das Gründungsjahr der Zwirnerei Ackermann. Sie wuchs, trotz anfänglicher finanzieller Schwierigkeiten, zu einem bedeutenden Textilunternehmen in Deutschland. 1957 fand die Fusion mit der Nähfadenfabrik Göggingen statt. Die neu gegründete Ackermann-Göggingen AG wurde somit der größte Nähmittelhersteller in Deutschland.

Baumwollgarn

7.6 Die Nähmaschinen kommen

In diese Zeit der Erfindungen und des Wandels passt auch die erste Markteinführung einer praxistauglichen Nähmaschine durch Isaac Merritt Singer in den Jahren 1850/51. In der USA. Bereits 1854 warb ein deutscher Konfektionsbetrieb mit dem Hinweis, die Kleider würden mit amerikanischen Nähmaschinen gefertigt. 1862 wurde die erste Generalvertretung für Singer Nähmaschinen in Deutschland eröffnet. Die deutschen Konstrukteure sahen in diesen Maschinen ein grosses Potential, versuchten die Singer nachzubauen. Viele Prototypen entstanden, welche nie zur Marktreife gelangten. Erste noch heute bekannte Namen wie Pfaff, Dürrkopf und Gritzner tauchten auf. Die Singer Company baute von Anfang an ein Distributionsnetzwerk für den Vertrieb auf. Dieses System wurde später auch von Pfaff übernommen und eingesetzt. Abnehmer waren anfänglich die Bekleidungsindustrie. Für einfache Näherinnen und Hausfrauen waren diese neuartigen Geräte unerschwinglich. Erst mit der Einführung von Ratenzahlungen ab ca 1890 durfte die Nähmaschine in viele deutsche Haushalte einziehen.

7.7 … und die Schnittmuster

Nicht zu vergessen, die Schnittmuster. Die ersten Schnittmuster in Originalgröße kamen ca 1840 in Amerika von Butterrick auf den Markt. Vorher gab es nur kleine Schnittzeichnungen mit Maßangaben für die Konstruktion. Modemagazine Mitte des 19. Jahrhunderts, wie das „Pariser Damenkleider-Magazin“, legten zu den vorgestellten Modellen separate Musterbögen bei. Die ersten doppelseitig bedruckten Schnittbögen mit mehreren Schnittmustern wurden erst ab ca 1900 in Deutschland gedruckt und verkauft. Das Interesse war anfänglich noch zögerlich, erst als in den 1920er Jahren das Faible für Mode langsam aufblühte, wuchs die Nachfrage. Mit Aenne Burda und den Mehrgrößen-Schnitten wurde ab 1952 auch endlich die geschickte Hausfrau zum Nähen animiert.

Bild: hhu, Digitale Sammlung, Illustrierte Frauenzeitschrift 1897

Illustrierte Frauenzeitschrift 1897

7.9 Sorgen um den Baumwoll-Nachschub

urück zu den Rohstoffen. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861-65) brachte ein großer Rohstoffmangel nach Europa. Viele Spinn- und Webereien mussten schließen. Weltweite Panik brach aus. Die Baumwollhändler, Makler und Spekulanten profitierten im Übermaß von steigenden Preisen. Alternative Anbaugebiete wurden gesucht und aufgebaut. Die Bauern bauten anstatt Lebensmittel nun Baumwolle für die gierigen Europäer an. Mit der ersten Weltwirtschaftskrise 1873 änderte sich auch für die einfachen Baumwollbauern vieles. Es entstanden vermehrt Großgrundbesitzer, das Eigentum der kleinen Bauern wurde annektiert. Das Baumwollimperium expandierte in den Anbaugebieten USA, Indien, Brasilien und Ägypten in dem man die Erzeuger zu Rohstoffproduzenten machte. Die Bedürfnisse der Industrie wurde von den Regierungen mehrheitlich unterstützt. Denn Profiteure waren sie alle, bis auf die Lohnarbeiter beim Anbau und in der Produktion. In Europa wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhundert eine immense Masse an Textilien produziert, dass die halbe Welt damit eingedeckt werden konnte. Die Rohstoffländer haben enorm viel importiert, da die Gewebe aus England billiger waren als die Webwaren aus dem eigenen Land. Dies hatte zur Folge, dass vor allem in Indien einer ganzen Branche die Existenz genommen wurde.

7.10 Deutsche Kolonien in Afrika

Der Bürgerkrieg in Amerika mit der damit verbundenen Knappheit der Rohbaumwolle zeigte der deutschen Textilindustrie und den Politikern die große Abhängigkeit. Verständlicherweise entstand da der Wunsch nach regelmäßigen und günstigen Lieferungen. Mit anderen Rohstoffen wollte das imperiale Reich nicht mehr abhängig sein von anderen Großmächten wie England, Frankreich, die Niederlanden. Die Idee für eigene Kolonien, wurde von wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmern zusammen mit einflussreichen Politkern aufgegriffen und nun endlich auch gefördert. Es entstanden Kolonien in Togo, Deutsch-Westafrika (heute Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda). Der Traum von deutscher Baumwolle, von deutschen Herstellern beflügelte viele Investoren, endlich das Baumwollmonopol der USA durchbrechen zu können und gegen russische Konkurrenz erfolgreich zu sein. Die Erträge im Baumwollanbau war nur für kurze Zeit bedeutend. Es kam der 1. Weltkrieg und 1920 mit dem Versailler Vertrag verlor Deutschland sämtliche Kolonien in Afrika mit der Begründung, sie hätten vor allem nur Krieg und Zwangsarbeit gebracht, anstatt den Fortschritt.

 

Deutsche Ost-Afrikalinie Hamburg

7.11 Die Kunststoffe kommen – Viscose

Mit der Erfindung der Viscose und der Patentierung der Herstellung um 1900 kam ein neuer Rohstoff auf dem Markt. Das neue Material war viel günstiger als Seide und Baumwolle. So wurde die Viskose schon recht früh als Kunstseide vermarktet. Vor allem in der Maschinenstickerei war das neue Garn sehr beliebt. Es war robust wie Baumwolle, hatte jedoch zusätzlich einen unwiderstehlichen Glanz. Neue Produzenten entstanden wie zum Beispiel in der Schweiz die Viscosuisse. Einige Unternehmer versuchten sich mit eigenen Lösungen, gaben auf und kauften das Patent zur Herstellung. Die Vereinigte Glanzstoff-Fabriken AG in Wuppertal wurde gegründet. Die Anfänge der Firma Lenzing in Österreich, heute einer der größten Viscosehersteller weltweit, findet man auch in diesen Gründerjahren.

In Indien wurde durch reichlich vorhandenes Investitionskapital neue Spinn- und Webmaschinen geordert. Das Knowhow zur Verarbeitung der Baumwolle war von alters her da. Heute sind die asiatischen Länder die größten Textilproduzenten weltweit. Nicht nur für die Textilprodukte aus Baumwolle, sondern auch aus Viscose und Kunstfasern. Die Umweltgesetze sind lasch oder kaum vorhanden, Kinderarbeit ist nach wie vor kein Tabu. Die Produktion der textilen Erzeugnisse ist so günstig, dass Maßen davon auf dem Weltmarkt angeboten werden. Und keiner fragt nach, ob wir das alles überhaupt brauchen. Auch heute gilt: Profitabel muss das Geschäft sein.

Spinnerei

Bild: Shutterstock

Quellenangaben zu “Alles über Nähgarne Teile 1 – 3”:

Fotos:
– Induux
– Von Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=75761185
– Lotti Pfyl
– Shutterstock
– Digitale Sammlung Hinrich Heine Universität Düsseldorf

Text:
– Wikipedia
– Sajou
– Gütermann
– Fachwissen Bekleidung, Europa Lehrmittel, ISBN 978-3-8085-6210-9
– Studio Auriga.it
– Amann Group
– Coats Group
– eur-lex.europa.eu
– aureliusinvest.com
– buergerleben.com
– Manager Magazin
– Madeira.com
– Badische Zeitung
– Textilwirtschaft.de
– deutsches Patent- und Markenamt
– Shutterstock
– zefix.ch
– „King Cotton“ 2. Aufl. Sven Beckert, ISBN 978-3-406-65921-8
– Bonjour Geschichte
– Stitch&Print international
– Soie Pirate, Geschichte der Firma Abraham, Band 1, schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85881-310-7
– Indiennes, Stoff für tausend Geschichten; schw. Nationalmuseum: ISBN 978-3-85616-892-6
– Silk, Mary Schoeser: ISBN 978-0-300-11741-7
– Neue Zürcher Zeitung
– Intelligente Verbindungen, Band 1; Netzwerk Mode Textil eV